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ICO statt IPO – Wie das Blockchain-basierte Finanzierungsmodell die Startup-Welt auf den Kopf stellt

4. August 2017 Nima Amiri

Während Bitcoin an immer mehr Orten als Zahlungsmittel akzeptiert wird und der Kurs immer neue Rekordstände erreicht (+ 140% seit Jahresbeginn), ermöglichen Kryptowährungen weit mehr als nur die Bezahlung von Gütern und Dienstleistungen. Über die Funktion als Zahlungsmittel hinaus liefern die den Kryptowährungen zugrundeliegenden Blockchains eine Plattform für die Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten an Investitionen in neue Geschäftsideen (Crowdfunding): offen, verteilt und liquide. Dies ermöglicht die Finanzierung eines großen Spektrums an Projekten, denen Venture Capital bislang nicht zugänglich war.

Bitcoin Wertentwicklung 2017

Bitcoin Wertentwicklung (Quelle: CoinDesk)

Bitcoin ist dabei bei weitem nicht die einzige Blockchain-basierte Währung (auch Token genannt). Der prominenteste Ableger ist etwa Ether. Diese Währung wurde durch Bitcoin inspiriert, basiert jedoch auf einer eigenen, von Bitcoin separaten Blockchain (Ethereum). Jede größere Finanzinstitution experimentiert unterdessen mit der Entwicklung eigener Blockchains. Die auf den individuellen Blockchains basierenden Tokens stehen im Zentrum der sich abzeichnenden Revolution im Investment-Sektor.

Das lukrative Geschäft mit ICOs

Der Begriff Initial Coin Offering (ICO) orientiert sich an dem englischen Begriff Initial Public Offering (IPO), welches einen Börsengang beschreibt, bei dem Aktien aus dem Bestand von Altaktionären oder aus einer Kapitalerhöhung auf dem Kapitalmarkt angeboten werden. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass bei einem IPO Firmenanteile angeboten und verkauft werden. Bei einem ICO werden sogenannte Tokens angeboten.

Solche Tokens können als digitale Coupons verstanden werden, die unterschiedliche Funktionen haben können. Meist sind diese Tokens die Währung, mit der das Projekt finanziert wird. Frühzeitige Investoren erhalten somit die Chance auf eine Kryptowährung zu setzen, die bei Erfolg den ursprünglichen Ausgabepreis übersteigt und dadurch Profit abwirft.

Die Tokens, die bei einem ICO ausgegeben werden, müssen nicht zwangsläufig einen monetären Wert darstellen. Beispielsweise ist die auf dem Etherum-Blockchain basierende DAO (Decentralized Autonomous Organization) eine dezentrale Organisation, bei der der Token ein Stimmrecht über die Zukunft der Organisation selbst darstellt. Der Token ähnelt dahingehend einer klassischen Aktie, stellt jedoch keine tatsächliche Beteiligung an der Organisation dar.

Token-Angebote könnten somit das Freemium-Geschäftsmodell, das beispielsweise Facebook und Google als Geschäftsgrundlage haben, umkrempeln. Anstatt Nutzern einen kostenlosen Dienst zur Verfügung zu stellen, welcher durch Risikokapital bezahlt wird, und dann schließlich Gewinn durch Werbeanzeigen einzufahren, bieten Token einen direkten Kanal für das Kapital zwischen Nutzern und den Technologien.

Im ICO-Modell bezahlen Nutzer und Investoren für einen Token, der somit die finanzielle Grundlage für die Entwickler darstellt, um die versprochene Technologie zu entwickeln. Wird der neue Dienst gut von den Nutzern angenommen und gewinnt weitere Nutzer, steigt somit auch die Nachfrage und der Preis für den Token, wovon die Early Adopter profitieren. Gleichzeitig erhalten die Entwickler weitere finanzielle Mittel, da ein Teil der insgesamt ausgeschütteten Tokens für die Liquidität einbehalten werden.

Kryptowährungen Detail

Kryptowährungen im Detail (Quelle: Cryptocompare)

Seit 2017 wurden bereits um die 800 Million Dollar in ICOs investiert. Das verdeutlicht, dass viele Investoren und Anleger in ICO eine lohnenswerte Investitionsmöglichkeit sehen und weiter auf den Boom der Blockchain-Szene setzen. Bekannte Beispiele der letzten Zeit sind das kürzlich mit USD 180 Millionen Dollar finanzierte Projekt Block.one , Bancor (USD 150 Millionen Dollar) oder Tezos (USD 200 Millionen).

Kryptowährung als Investitonstreiber der Zukunft?

Kryptowährung als Investitonstreiber der Zukunft? (Quelle: Slideshare)

Risikoanalyse und Regulierungen von ICOs

Noch unterliegen ICOs keinen strengen Regularien wie klassischen IPOs, die Investoren und Anleger besser schützen. Ein einschneidendes Beispiel war der Flash-Crash des Etherkurses vor einigen Wochen, bei dem eine Verkaufsorder von über USD 12,5 Millionen Ether innerhalb weniger Sekunden von USD 317 auf USD 0,1 fallen ließ. Es setzen zwar hier wieder automatisierte Zukäufe ein, die den Preis innerhalb von 10 Sekunden zurück auf USD 300 stiegen ließen, es kam dennoch zu hohen Verlusten für zahlreiche Nutzer.

Ein weiterer Problempunkt ist, dass man bei ICOs oft etwas erwirbt, das noch gar nicht existiert. Nutzer kaufen einen Token, welcher erst nach dem ICOs ausgeschüttet wird und den sie sich beispielsweise im Falle von Ethereum, auf ihr Ether-Wallet gutschreiben lassen können.

Selbst wenn man die Coins gutgeschrieben bekommt, sollte man sich bewusst sein, dass es sich nach wie vor nur um eine “Zahl” handelt. Ein wirklicher Gegenwert existiert zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und genutzt werden können die Coins in der frühen Phase in den seltensten Fällen.”
BTC Echo

Unkalkulierbares Risiko oder Zukunft?

Trotz der Erfolgsstories bei ICOs (Ethereum, Gnosis, Golem, Block.One oder Bancor) gibt es auch genug anderer ICOs, die nach kurzer Zeit eingestellt worden sind, wodurch Anleger ihr Geld verloren haben. Die hohe Volatilität der Währungen, welche hohe Renditen aber ebenso hohe Verluste bescheren kann, ist daher auch dem weitgehend unregulierten Markt geschuldet.

“If you have your own currency, you have your own governance, so each currency becomes their own mini-government. Mini-government a big word, but it’s a body that is governed in a decentralized manner where users have a say, where there’s oversight and transparency.”
William Mougayar

Neben dem unkalkulierbaren Risiko, das mit ICOs einhergeht, trüben die neusten Hackerangriffe auf ICOs das Image der sicheren und dezentralisierten Blockchain-Branche. Bei zwei kurz nacheinander durchgeführten Hacks konnte Ether im Gesamtwert von USD 30 Millionen erbeutet werden. Dabei wurden die Websites der Unternehmen, die den ICO durchführen wollten, angegriffen und Schwachstellen im Code ausgenutzt, um auf der Website eine falsche Walletadresse zu hinterlassen. Auf diese Adressen haben dann die Investoren ihre Kryptowährungen eingezahlt.

Neben dem Sicherheitsbedenken sollten Investoren auch immer die möglichen Investitionsprojekte genau unter die Lupe nehmen. Welche Personen steht hinter dem Projekt und wer leitet es? Sind die beteiligten Entwickler technisch versiert, wie ist der Know-How Level der Teammitglieder und wie sehen die finanziellen Mittel aus, um das Projekt zu finanzieren? Ein weiterer, weitaus wichtigerer Aspekt als die eingesetzte Kryptowährung ist das Geschäftsmodell. Welches konkrete und echte Problem soll mit dem Krypto-Projekt gelöst werden? Trotz der Risiken dieser neuen Investitionsart bieten die ICOs und der Aufstieg der Kryptowährungen einen Ausblick, wie die digitale Welt zukünftig verwaltet und gestaltet werden kann – dezentral und anonym.

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