Donnerstag, 22. März 2012 vorheriges nächstes

Mobile Usability: Shopping-Clubs im Test

Fast die Hälfte der deutschen (38,1 Mio.) kauft online ein. Dabei spielen Shopping-Clubs eine immer größere Rolle: bereits 70 Prozent der User kennen diese Shopping-Form und über 30 Prozent sind dort als Mitglied registriert. Mit zeitlich und mengenmäßig begrenzten Aktionen bieten Shopping-Clubs ihren Mitgliedern die Chance, Markenartikel bis zu 80 Prozent günstiger zu kaufen. Durch die beschränkte Anzahl der Produkte, die kurze Laufzeit der Verkaufsaktionen und die daraus resultierende Dringlichkeit des Kaufs, kommt der mobilen Nutzung der Shopping Clubs besondere Bedeutung zu, um so unabhängig vom Aufenthaltsort keine Aktion mehr zu verpassen.

Von 2011 bis 2012 hat sich die Anzahl der Mobile-Shopper in Deutschland von 6 auf 13 Prozent mehr als verdoppelt. Design-Shopping-Club Fab.com verzeichnet seit dem Release seiner mobilen App bereits über 40 Prozent seiner Besuche von mobilen Geräten, wobei deren Kaufbereitschaft doppelt so hoch ist wie bei Desktop-Besuchern. Dies belegt die Relevanz, die Mobile-Commerce insbesondere im Segment der Shopping-Clubs schon heute zukommt.

Die fünf größten deutschen Fashion-Shopping-Clubs werden hier deshalb hinsichtlich ihrer Usability auf mobilen Geräten untersucht. Getestet wurde auf dem iPhone 4S und 3GS.


brands4friends

Der mittlerweile zu eBay gehörende größte deutsche Shopping Club bietet bislang weder eine mobile App an noch ist die Website auf die Bedürfnisse der Mobile-Shopper optimiert. Die erste Hürde bildet bereits die Startseite:

brands4friends-Startseite: Ansicht Mobile und Web

Eine für Desktops optimierte Bildschirmauflösung sorgt dafür, dass statt Produkten zunächst nur ein Ausschnitt einer Teaser-Grafik sichtbar ist. Selbst beim nach unten scrollen fällt einem nur durch eine im rechten Bildrand sichtbare Schuhspitze auf, dass auch tatsächlich Produkte auf der Seite zu finden sind. Durch die Anordnung von drei Produkten nebeneinander, muss der User nun in jeder Zeile nach rechts und links navigieren, um die Artikel betrachten zu können. Eine Verkleinerung der Darstellung zur Anzeige der drei Produkte auf einem Screen macht diese zu klein, um noch lesbar zu sein.

brands4friends: Produktansicht Mobil und Web

Auch die Detailansicht des Produktes ist problematisch: es befinden sich nur Thumbnails der einzelnen Produktbilder und der Link „zurück zur Übersicht“ im sichtbaren Bereich. Das Anklicken eines Thumbnails tauscht dann die Ansicht des Produktbildes entsprechend aus – wohlgemerkt im nicht sichtbaren Bereich, so dass man nicht feststellen kann, ob die Interaktion zu einem Resultat geführt hat. Aussagekräftiges Produktbild, Produktbeschreibung, Preis, Kaufmöglichkeit – alles Kernelemente einer jeden E-Commerce-Site – sind nicht sichtbar und erst durch Scrollen nach rechts überhaupt zugänglich. Auch die für die Desktopbetrachtung optimierte Zoom-Funktion der Produktabbildungen ist problematisch: tappt man auf das Produktbild, wird eine neue Seite angezeigt, die aussieht als wäre sie leer.

brands4friends: Anzeige Produktbild Mobile und Web

Erst durch Herauszoomen oder nach unten scrollen wird das Produktbild sichtbar und kann die Großansicht geschlossen werden. Tappt man nur kurz auf das Produktbild, öffnet sich rechts daneben ein vergrößerter Ausschnitt des Bildes, der den „In den Warenkorb“ Button zudeckt und so den Kauf komplett verhindert.

Legt man ein Produkt in den Warenkorb, zeigt sich ein weiteres Problem einer nicht für die mobile Nutzung optimierten Website: eine Lightbox öffnet sich mit der Bestätigung, dass der Artikel in den Warenkorb gelegt wurde. Leider ist sie links teilweise abgeschnitten und auch die Möglichkeit sie zu schließen ist nicht sofort sichtbar. Der Checkout ist ebenso nicht für mobile Geräte optimiert, ist allerdings trotzdem relativ leicht zu nutzen.


BuyVIP

Auch BuyVIP verfügt weder über eine mobile App noch über eine für mobile Geräte optimierte Website. Der für den Desktop ausgelegte Bildschirm wird herunterskaliert, was die Anzeige auf Smartphones unleserlich und die Navigation ohne Zoomen unbedienbar macht. Bei jedem Seitenaufruf ist erneutes Zoomen erforderlich.

buyVIP: Mobile Ansicht

Die Produktlisten sind aber auch auf dem Smartphone angenehmer als bei brands4friends. Die Anordnung von nur zwei Produkten nebeneinanderer möglicht die Ansicht ausreichender Produktinformationen ohne nach rechts oder links scrollen zu müssen.

buyVIP: Mobile Produktliste

Negativ fällt allerdings das Navigationsmenü auf, das sich unvorhergesehen über die Produktbilder legt. Außerdem laden die Fotos teilweise sehr langsam oder werden gar nicht angezeigt.

buyVIP: Produktdetailansicht Web und Mobile

In der Produktdetailansicht lassen sich die verschiedenen Fotos gut anschauen. Das Produktvideo wird auf dem Smartphone allerdings nicht geladen. Die Kleidergröße lässt sich dafür unkompliziert auswählen und mit einem Klick ist der Artikel im Warenkorb. Auch der weitere Bestellprozess verläuft unproblematisch.


Zalando-Lounge

Auch Zalando-Lounge kann nicht mit einer mobilen App oder mobil optimierten Website punkten. Wie bei Brands4Friends sind auch hier die Produktlisten durch die Einteilung in drei Spalten nicht ohne Links- und Rechts-Scrollen erschließbar. Die Artikelfotos laden außerdem sehr langsam, was das Stöbern sehr in die Länge zieht. Negativ fällt auch ein abgeschnittenes Logo im oberen Bereich der Seite auf, das die Nummer der Hotline verdeckt.

Auch die Produktdetailseite ist für die mobile Nutzung suboptimal: die Produktbilder lassen sich zwar (ähnlich wie bei BuyVip) gut anschauen, Preisangabe und „In den Warenkorb“ Button stehen jedoch außerhalb des angezeigten Bereichs, so dass sie leicht übersehen werden können.

Zalando-Lounge: Produktdetailansicht Mobile und Web

Besser wäre eine Platzierung des Buttons unter der Auswahl der Kleidergröße (wie z.B. bei BuyVip). Der Bestellprozess ist ebenso nicht mobil optimiert, mit Rauszoomen, Links- und Rechts-Scrollen allerdings machbar.


VentePrivée

Der Innovator des E-Commerce-Segments Shopping-Club VentePrivée geht auch in Bezug auf Mobile-Commerce mit gutem Vorbild voran und bietet sowohl eine mobil optimierte Website als auch eine kostenlose App für iPhone (etwa 39.000 Downloads), Android (etwa 3.800 Downloads) und iPad (etwa 4.000 Downloads) an. Auf dem iPhone wird der User nach Eingabe der URL automatisch zur mobilen Version der Website weitergeleitet.

VentePrivée: Produktlisten Web und Mobile

Sowohl auf der optimierten Website als auch der App ist die Navigation einfach und durch verschiedene Kategorien behält man den Überblick, wo man sich befindet. Eine Video-Vorschau gibt Einblick in die Produktreihen. In der App werden die Videos problemlos geladen, in der mobilen Version der Website allerdings gar nicht. Probleme scheint auch die Darstellung der Bilder in den Produktlisten zu bereiten: in der App laden sie oft sehr langsam, auf der mobilen Website werden sie durch falsche Dimensionen gestaucht.

VentePrivée: Mobile Produktliste

Die Produktansicht selbst ist übersichtlich und zu jedem Artikel werden alle wichtigen Details wie Abmessungen, Pflegehinweise, Material etc. bereitgestellt. Während die Großansicht der Produktbilder auf der mobilen Website sehr nutzerfreundlich gelöst ist, stellt sie in der App ein Problem dar: man gelangt weder zum nächsten Produkt noch kann die Großansicht geschlossen werden.

VentePrivée: Großansicht Produkt Mobile

Die Bestellung kann mit wenigen Klicks aufgegeben werden. In der App kann die Anzahl der für den Kauf erforderlichen Klicks durch eine „Express-Kauf“-Option direkt aus der Produktliste ohne den Zwischenschritt über die Produktdetailseite weiter abgekürzt werden.

VentePrivée: Express-Kauf Mobile-App

In der Rubrik „Planer“ kann der User festlegen, bei welcher Verkaufsaktion er über den Start informiert werden möchte. Die App soll den User per Push-Benachrichtigung damit bereits am frühen Morgen auf den Aktionsstart aufmerksam machen. Diese Funktion scheint allerdings fehlerhaft zu sein: die Bestellung der „App-Memo“ resultierte nicht in einer Push-Benachrichtigung.


Limango

Auch der Shopping-Club Limango bietet eine gleichnamige iPhone App (31.000 Downloads) und eine mobil optimierte Website an. Die App ist verständlich erklärt und einfach zu handhaben. Auch hier kann sich der User bei jeder Aktion per Push-Benachrichtigung über den Start informieren lassen. Dies scheint aber auch hier nicht fehlerfrei zu funktionieren.

Die Produktpräsentation in der App ist detailliert und übersichtlich, die Großansicht der Bilder gut gelöst. Das Hinzufügen eines Artikels zum Warenkorb ist allerdings gewöhnungsbedürftig: anstatt auf einen „Kaufen“ oder „In den Warenkorb“-Button zu klicken, muss hier auf den Preis geklickt werden, wodurch dann die Schaltfläche „Reservieren“ erscheint. Reservieren bedeutet hier „In den Warenkorb legen“. Der anschließende Checkout ist dann erfreulicherweise verständlich.

Limango: Mobile-App

Der Aufbau der mobilen Website ähnelt dem der App. Trotz der etwas längeren Ladezeiten erscheint der Bestellprozess im Vergleich zur App aber intuitiver, da vertraute Terminologien wie ein „In den Warenkorb“-Button verwendet werden. In der weiteren Kaufabwicklung lassen sich keine großen Unterschiede zur App feststellen. Bei Limango vermisst man im Vergleich zu den anderen Shopping-Clubs jedoch die Option der PayPal-Zahlung. Im Vergleich zu anderen Zahlungsoptionen ist diese Dank mobiler Optimierung und einer Bezahlung mit nur zwei Klicks die derzeit einfachste mobile Variante.

Fazit: Erheblicher Nachholbedarf

VentePrivée und Limango schneiden Dank mobilen Websites und mobilen Apps aus Mobile-Usability-Sicht am besten ab. Der Nutzungskontext von Shopping-Clubs verleiht der mobilen Optimierung besondere Bedeutung: für 35% der Smartphone-Nutzer ist der Griff zum mobilen Gerät morgens die erste Handlung – bereits vor dem Aufstehen; dies kombiniert mit dem First-Come-First-Served-Prinzip der Verkaufsaktionen, die in der Regel zwischen 7:00 und 9:00 Uhr morgens starten, unterstreicht die hohe Wahrscheinlichkeit der Nutzung aus dem Bett ohne die Notwendigkeit des Aufstehens und Hochfahrens des Computers. Sollen die Potenziale künftig ähnlich erfolgreich genutzt werden, wie Fab.com dies bereits heute tut, gibt es für die Shopping-Clubs noch erheblichen Nachholbedarf.

Dieser Beitrag ist auch erschienen auf LEAD digital

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