Trend 2015: Redefinition of Privacy

Redefinition of Privacy

Wir befinden uns in einem Zeitalter von Disposable Technology, einem Zeitalter, in dem die Kosten von Technologie so gering geworden sind, dass jedes Produkt mit Sensoren und einer Internetverbindung ausgestattet werden kann – und es auch wird: von Schuhen bis zum Hemd, der Zahnbürste bis zum Schlüsselbund, dem Haus-Thermostat bis zur Ampel und Mitarbeitern und ihren Interaktionen. Die Analyse der erhobenen Daten ermöglicht die Ableitung von Algorithmen mit dem Potenzial, das Leben von Millionen von Menschen grundlegend zu verbessern: die Früherkennung von Krankheiten und Identifikation individuell optimierter Behandlungsmethoden, die Optimierung und Automatisierung von Verkehrsflüssen oder etwa die Beschleunigung der Forschung in bisher ungeahnten Dimensionen stellen nur einige wenige Beispiele dar, in denen das entstehende Internet of Things auf Basis von Big Data die grundlegende Umgestaltung aller Lebensbereiche vorantreibt.

Diese ungeahnten Potenziale gehen wie bei jeder technologischen Entwicklung jedoch auch mit erheblichen Risiken einher: der Missbrauch der Daten, Unterdrückung von Opponenten und die Einschränkung von Freiheitsrechten sind nicht nur hypothetische Größen geblieben. Die kommenden Jahre werden diese Entwicklungen weiter beschleunigen und die Ausgestaltung von klaren Regeln erforderlich machen, sollen diese Potenziale nicht tiefgreifenden Konflikten zum Opfer fallen.

Betroffene Industrien: alle

Intro

Im Frühjahr 2008 stürmte ein wütender Kunde in die Target-Filiale außerhalb von Minneapolis und verlangte, den Manager zu sprechen. Grund seiner Empörung waren die Rabatt-Coupons, die seine noch in die High School gehende Tochter für Babybetten und Babykleidung von Target geschickt bekommen hatte. Wolle Target seine Tochter etwa auf die Idee bringen, schwanger zu werden? Als sich der Filialleiter einige Tage später telefonisch bei dem empörten Vater meldete, um sich für diesen Vorfall zu entschuldigen, war die Wut verflogen und der Vater entschuldigte sich kleinlaut für seine etwas voreilige Reaktion. Er habe unterdessen mit seiner Tochter gesprochen und sie habe ihm gebeichtet, dass sie in der Tat schwanger sei und die Geburt im August anstehe.

Wie also hat Target diesen nicht einmal dem im gleichen Haus lebenden Vater bekannten Sachverhalt erschließen können? Die einfache Erklärung wäre, dass die Tochter einen Schwangerschaftstest oder etwa Babyprodukte bestellt haben könnte und deswegen in dieser Marketing-Kategorie gelandet war. Tatsächlich ist der Sachverhalt jedoch etwas komplexer. Seit 2002 beschäftigte Target den Statistiker Andrew Pole, dessen Aufgabe es war, durch Data-Mining Rückschlüsse auf die Bedürfnisse der Kunden zu ziehen und damit die Verkäufe anzukurbeln.

Da wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Frauen in der Schwangerschaft besonders empfänglich für Verhaltensänderungen und damit für das Ausprobieren neuer Produkte sind, stellte die Identifikation dieses Umstands bei den Kundinnen ein Ziel der Analysen dar. Es stellte sich heraus, dass der Kauf aus einem Set von 25 Produkten wie etwa Kakaobutter-Körperlotion, einer Handtasche groß genug, um Windeln unterzubringen, Zink- und Magnesium-Nahrungsergänzungsmitteln und einer blauen Tagesdecke nicht nur den Rückschluss auf eine Schwangerschaft mit großer Wahrscheinlichkeit ermöglichte, sondern darüber hinaus auch noch eine recht punktgenaue Bestimmung des Geburtstermins zuließ.

Big Data und Privacy: Algorithmische Steuerung

Nahezu alle von uns für das kommende Jahr als wegweisend identifizierten Tech-Trends haben das Messen vielfältiger Datenpunkte, die Analyse und Identifikation von Mustern in riesigen Datensets (Big Data) ebenso im Zentrum wie das kontextsensitive Ableiten von Reaktionen: die Omnipräsenz von mit einer Fülle von Sensoren ausgestatteten Geräten (Trend: Quantified Self) ermöglicht den Aufbau schier unbegrenzter Daten-Pools, die durch die zunehmende Verflechtung von Online und Offline (Trend: Blurring of Online/Offline) noch weiter angereichert werden und die Anpassung der Umgebung auf das vom User noch nicht explizit geäußerte Bedürfnis ermöglicht (Trend: Pro-active Experiences). Die Konsequenzen dieser Entwicklungen auf das Verständnis von Privatsphäre und in diesem Kontext auf nahezu jedes Geschäftsmodell, sind kaum zu überschätzen.

Es besteht die Gefahr, dass in einer algorithmisch gesteuerten Entscheidungswelt auf der Basis von Big Data Korrelationen über die Möglichkeiten von Individuen entscheiden und nicht Kausalitäten: der Kauf einer bestimmten Kombination von Zeitschriften kann zu einer niedrigeren Kreditwürdigkeit führen, da das Ausfallrisiko bei vielen Käufern dieser Zeitschriftenkombination besonders hoch ist. Hierbei sagen diese Metadaten mehr über uns aus, als uns bewusst ist. Von Facebook können Wahlen entschieden, aus Likes Korrelationen zwischen der Vorliebe eines Nutzers für Pommes Frites und seiner Intelligenz hergestellt werden:

Wir befinden uns in einem Zeitalter von Disposable Technology, einem Zeitalter, in dem die Kosten von Technologie so gering geworden sind, dass jedes Produkt mit Sensoren und einer Internetverbindung ausgestattet werden kann – und es auch wird: von Schuhen bis zum Hemd, der Zahnbürste bis zum Schlüsselbund, dem Haus-Thermostat bis zur Ampel, von Mitarbeitern und ihren Interaktionen.

In diesem Internet of Things waren 2008 erstmalig mehr Dinge mit dem Internet verknüpft, als es Menschen auf der Erde gibt. 2010 waren es bereits 12,5 Milliarden und für 2020 geht Cisco von 50 Milliarden Dingen aus, die mit dem Internet verbunden sein werden. So stattet etwa ein niederländisches Startup Kühe mit Sensoren aus, die via Internet das Tracken der Gesundheit und die Identifikation von Schwangerschaften ermöglichen. Jede Kuh sendet so pro Jahr 200 MB an Daten.

Eine nicht allzu ferne Zukunftsvision für den Umgang mit Tracking-Daten, die von Milliarden von Sensoren von der Zahnbürste bis zur Cornflakes-Packung erhoben werden, Gamification und Anreizen zur Verhaltenssänderung bringt Jesse Schell ab Minute 1:36 sehr unterhaltsam auf den Punkt:

Persönliche Daten im Gesundheitsbereich

Über Fitness-Tracker wird eine Vielzahl von Daten erhoben, die zur Optimierung des eigenen Lebenswandels beitragen können. Oder zur Absenkung der Versicherungsprämie: eine Reihe von Krankenkassen hat dieses Jahr Pilotprojekte gestartet, die Versicherte mit Vergünstigungen belohnen, wenn sie mit der Verknüpfung ihrer Tracking-Devices Gesundheitsbewusstsein nachweisen. Auch wenn betont wird, dass diese Angaben freiwillig sind, liegen die Konsequenzen auf der Hand: mit der Verbreitung von Fitness-Trackern im Massenmarkt wird sich die Freiwilligkeit des Teilens der Daten schnell als Trugschluss herausstellen. Wenn die Anreize für das Teilen über eine Vergünstigung des Tarifes so klar auf der Hand liegen, kann die Verweigerung des Teilens schnell zur Abweichung von der Norm werden – oder dem Signalling, dass man etwas zu verbergen hat und es sich höchstwahrscheinlich um ein schlechtes Risiko handelt, welches mit einer höheren Versicherungsprämie zu belegen ist. Der Tipping Point für die Aushöhlung des Solidaritätsprinzip einer Versicherung kann hier schnell erreicht sein.

Diese Datenerhebung, Steuerung und Optimierung wird aber nicht an der Körperoberfläche Halt machen: Sensoren werden in den Körper vordringen und schnurlos Daten in Echtzeit aus dem Gehirn, Magen und Blutkreislauf übermitteln. Warnungen vor Herzinfarkten und Fernwartungsmöglichkeiten von Herzschrittmachern ohne das Erfordernis eines operativen Eingriffs, den Bedarf an Medikamenten und die automatische Dosierung, Überwachung des Zustands von Arterien und vieles weitere mehr.

Aber auch die Analyse der eigenen DNS stellt keine Schranken mehr dar: kostete die Sequenzierung einer einzigen DNS vor 13 Jahren noch USD 3 Milliarden, ist dies heute bereits für USD 1.000 machbar. Dies ermöglicht die Ermittlung genetischer Risikofaktoren und das Ergreifen vorsorgender Maßnahmen und wirft wiederum sehr grundlegende Fragen in Bezug auf den Schutz dieser Daten und die Implikationen für existierende Geschäftsmodelle auf: während Krankenversicherungen mittel- bis langfristig davon profitieren könnten, dass einige schwerwiegende Krankheiten gar nicht erst zum Ausbruch kommen, könnten die Kosten kurzfristig steigen, wenn einer Risikogruppe zugehörende Versicherte aufgrund ihres genetischen Befundes medizinische Leistungen in Anspruch nehmen, die sie ohne den Befund nicht eingefordert hätten.

Ermittlung von Bewegungsprofilen

Autos sind bereits heute mit einer Vielzahl von Sensoren ausgestattet, die unter anderem die Identifikation von Geschwindigkeitsübertretungen ermöglichen. Strafzahlungen könnten so auf diese Weise automatisiert werden – die Rechnung für Verstöße käme von allein. Auch in diesem Bereich haben Versicherungen bereits Tarife eingeführt, die Anreize für den Zugang zu Fahrerdaten schaffen. Auch hier wird der Automatismus zum Teilen der Daten in absehbarer Zeit der Gleiche sein, wie bereits für Krankenversicherungen beschrieben: Fahrer, die ihre Daten für sich behalten, könnten sich bald in höheren Risikoklassen und damit mit höheren Tarifen wiederfinden.

Regulierungen könnten es bald erforderlich machen, dass Autos von der Polizei fern-deaktiviert werden können. Die flächendeckende automatisierte Nummernschilderkennung und Speicherung der Daten ermöglicht nicht nur die Erstellungen von Bewegungsprofilen, sondern lässt fotografisch dokumentiert auch Schlüsse darüber zu, mit wem man unterwegs war und welchem Zweck die Reise diente:

Während die Erhebung dieser Daten vor wenigen Jahren noch mit großem Aufwand verbunden war und gezielt für die Observierung von Verdächtigungen eingesetzt wurde, findet heute eine flächendeckende Erhebung aller statt – spätestens mit der Einführung der Maut auch in Deutschland.

Dass der Missbrauch derartiger Daten nicht nur eine hypothetische Gefahr darstellt, demonstrierte zuletzt die umstrittene Mobilitäts-Firma Uber, indem sie missliebige Journalisten mit der Veröffentlichung inkriminierender Fahrtdaten drohte. Bewegungsprofile, die auch von Mobiltelefonen – iOS-Geräten ebenso wie Android – standardmäßig erhoben werden und pro-active Experiences überhaupt erst ermöglichen.

Das Ende von Geheimnissen?

Zur Optimierung der unternehmensinternen Abläufe haben einige Unternehmen ihre Mitarbeiter mit Sensoren ausgestattet, die neben dem Bewegungsprofil und der Interaktion mit anderen Mitarbeitern auch die Tonalität und Emotionen der Mitarbeiter dokumentieren. Chuck Jorgensen leitete für die NASA ein Forschungsprojekt zur subvokalen Sprachanalyse. Jorgensen ist davon überzeugt, dass wir uns auf dem Weg in eine Welt ohne Geheimnisse befinden, in der Sensoren, Kameras und Mikrophone jegliche menschliche Äußerung – explizit oder implizit – tracken und analysieren. Während Menschen sich stark vom Gehalt der expliziten Aussage beeinflussen lassen, führt die Messung von Faktoren wie der Veränderung des Hautwiderstandes, der Pulsfrequenz, der Pupillenweitung, der Stimmlage und vielen weiteren mehr dazu, mit hoher Treffsicherheit den Wahrheitsgehalt einer jeden Aussage in Echtzeit liefern zu können. Mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die menschliche Interaktion und politische Gefüge.

Fazit

Die flächendeckende Erhebung von Daten über allgegenwärtige Sensoren und Plattformen, ihre Auswertung und Ableitung von Erkenntnissen und Anreizen zur Optimierung bietet schier unbegrenzte Potenziale zur Verbesserung des Lebens von Millionen von Menschen. Mit bahnbrechenden technologischen Entwicklungen gehen jedoch auch die Möglichkeiten des Missbrauchs dieser Technologie Hand in Hand.

„Technology is continually giving us ways to do harm and to do well; it’s amplifying both. It’s amplifying our power to do well and our power to do harm, but the fact that we also have a new choice each time is a new good.“ Kevin Kelly

Während Evgeny Morozov schlagkräftig vor den Gefahren der Ablösung von Politik durch algorithmische Regulierung warnt, wird diese von Befürwortern wie Tim O’Reilly ebenso schlagkräftig gefeiert. Unabhängig davon, wo man sich selbst in dieser Diskussion verortet, ob mehr Chancen oder mehr Gefahren mit diesen Technologien einhergehen, steht eines fest: die ökonomischen und politischen Interessen der aktuellen Entwicklung sind so schwerwiegend, dass sie nicht aufzuhalten sein wird. Technikfeindlichkeit ist somit keine Lösung.

“Everyone will expect to be tracked and monitored, since the advantages, in terms of convenience, safety, and services, will be so great.” Hal Varian, Chief Economist, Google

Die Definition von Regeln für das Tracken von Daten und für die Verteilung des daraus generierten Nutzens wird folglich Gegenstand der kommenden Jahre sein. Hierbei ist eine Informationssymmetrie zur Vermeidung tiefgreifender Konflikte von großer Bedeutung: haben die User keine Möglichkeit der Einsichtnahme in die Daten, die über sie gesammelt werden und können die Auswirkungen ihrer Handlungen nicht abschätzen, werden sich die Akzeptanzprobleme verstärken. Dies gefährdet die Grundfesten des Internets an sich – und die Potenziale des ökonomischen und gesellschaftlichen Nutzens mit ihm.

Unternehmen, die mit den Daten ihrer User hantieren, müssen ihnen folglich eine Übersicht darüber geben, was über sie gespeichert ist – und die Möglichkeit, diese Informationen zu löschen. Google gibt etwa über sein Dashboard jedem Nutzer einen detaillierten Einblick in die über ihn gespeicherten Daten.

Flankiert werden wird dies zunehmend von rechtlichen Regelungen, wie etwa der Datenschutz-Grundverordnung, die derzeit von der EU ausgehandelt wird. Technologische Entwicklungen werden jedoch stets schneller sein als juristische Reglementierungen und sprengen gewohnte Konzepte. Zudem stellt ein globaler Raum wie das Internet ebenso wie die technische Wirksamkeit ganz neue Anforderungen an die rechtlichen Vorschriften. Vorauseilende Regelungen könnten begrüßenswerte Innovationen abwürgen oder – wie zuletzt im Fall des „Recht auf Vergessen“ – zu unerwünschten Nebenwirkungen führen, ohne ihr eigentliches Ziel zu erreichen.

„I expect that the dynamics of security and privacy are going to be a bloody mess for the next decade, mired in ugly politics and corporate greed.“ Danah Boyd, Research Scientist, Microsoft

Im Licht der vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Interessen stellt sich die Frage, ob das Internet zu einem Grundpfeiler einer weltoffenen und freien Gesellschaft werden wird oder zur bisher effizientesten Maschinerie zur Unterdrückung dieser Werte:

„The question is, are we ready and willing to fight for the Net as it should be in the name of civil rights and open communications? Or will we sit back compliantly, happily gobble down the occasional treats tossed in our direction, and watch as the Internet is perverted into a monstrous distortion to control speech and people alike, rather than enabling the spread of freedom.“ Lauren Weinstein

Vor dem Hintergrund der Enthüllungen rund um Datenschutz, Privatsphäre und Überwachung regte der Vater des World Wide Webs, Tim Berners-Lee, dieses Jahr einen Diskurs darüber an, was das Internet für uns sein soll und fordert die Entwicklung einer Magna Carta für das Web. Auch wenn diese sicherlich nicht die hinreichende Bedingung für eine erstrebenswerte Ausgestaltung der Rahmenbedingungen sein kann, ist sie doch die notwendige Bedingung für eine Verständigung über die Ziele, die fundamental für alle Lebensbereiche der kommenden Jahre sein wird.

 

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Blurring of Online/Offline

Trend 2015: Blurring of Online/Offline

Während Boris Becker 1999 noch vom ins Internet gehen sprach, ist die Klassifikation als Internetnutzer für alle mit dem Internet aufgewachsenen in etwa so verständlich, wie ein Stromnutzer zu sein: es ist so selbstverständlich und in einer always-on-Welt so natürlich, dass einem nur das Gegenteil – das Offline-Sein etwa auf einer Bahnfahrt – als Abweichung von der Norm auffällt. Zudem ist die Gestalt der via Internet genutzten Services so vielfältig und verwoben, dass der Aussagegehalt einer derartigen Klassifikation viel zu limitiert ist.

Zunehmend verschwimmen jedoch auch die Grenzen zwischen On- und Offline: die Technology tritt in den Hintergrund und verbirgt dem Nutzer ihre Komplexität, um ihn bei der Lieferung eines spezifischen Nutzens nicht mit Unnötigem zu verwirren. So wird die physische Welt zunehmend durch das Internet angereichert.

Betroffene Industrien: Retail, Travel, Entertainment, Games, Healthcare

Trend 2015: Pro-active Experiences

Die sprunghafte Verbreitung von mobilen Devices hat Googles damaligen CEO Eric Schmidt bereits 2010 die Devise “Mobile First” ausgeben lassen: jedes von Google entwickelte Produkt muss stets als erstes mobile Nutzer und deren Nutzungskontext als Ausgangspunkt haben. Heute kann es sich kein Unternehmen mehr leisten, nicht optimiert auf mobilen Geräten mit einem maßgeschneiderten Experience verfügbar zu sein. Websites, die dies nicht berücksichtigen, werden von Google unterdessen sogar bereits in den Such-Rankings abgestraft.

Während diese Entwicklungsstufe folglich bereits nur noch einen Hygienefaktor und kein Differenzierungspotenzial mehr darstellt, gehen die aktuellen Entwicklungen wesentlich weiter: sie nutzen den Umstand, dass mobile Geräte im Gegensatz zum Desktop ihren Besitzer auf Schritt und Tritt begleiten, eine Vielzahl von orts- und bewegungsbasierten Daten automatisch erheben und somit intime Kenntnisse über den Nutzer haben. Die Interaktion soll folglich all diese Informationen miteinbeziehen, um dem Ideal der Interaktion eines allwissenden Begleiters näherzukommen, der vom Nutzer keine Eingabe mehr erfordert, sondern stets alle Bedürfnisse kontextsensitiv erahnt. Hierbei sagt der Nutzer dem Computer (explizit oder implizit) nur noch was er will – wie dieses Ziel zu erfüllen ist und was für den Nutzer in welchem Kontext relevant ist, weiß der Computer im Idealtypus dieses Modells selber.

Betroffene Industrien: Travel, Navigation, Entertainment, Home Automation, Automotive, Software, Energy/Utilities, Versicherungen

Trend 2015: Quantified-Self/Wearables

Sind Quantified-Self-Accessoires wie etwa das Up-Armband von Jawbone bis vor kurzem noch ein Spielzeug für Nerds gewesen, haben sich sensorbepackte Wearables 2014 angeschickt zum Massenphänomen zu werden. Während Pebble bereits 2012 mit seinem Smartwatch-Projekt auf Kickstarter in nur 8 Tagen mit über USD 10 Millionen einen Crowdfunding-Rekord aufstellte (Funding-Ziel waren nur USD 100k) und nun nach der Marktvorbereitung durch nahezu alle Tech-Companies dieser Welt auch Apple als Last-Mover mit der Ankündigung seiner Smartwatch hinzugekommen ist, die Anfang 2015 in den Verkauf gehen soll, scheint der Massenmarkt klar im Visier.

Der Fantasie hinsichtlich der Anwendungsmöglichkeiten und des Impacts auf eine Vielzahl etablierter Geschäftsmodelle sind hier keine Grenzen gesetzt. So wie Smartphones bei ihrem Launch durch Apple 2007 nur ein Device waren, ist erst durch die Verbreitung der Technologie und das durch sie ermöglichte Ökosystem eines App-Stores eine Innovationsdynamik entstanden, die in ihrer Entwicklungsgeschwindigkeit und der disruptiven Kraft auf nahezu jede Industrie bislang einmalig ist. Ein unterdessen mit über USD 40 Milliarden bewertetes Unternehmen wie Uber, das sich anschickt die Mobilität grundlegend umzukrempeln, war ohne die Funktionen von Smartphone und das angeschlossene Ökosystem weder möglich noch denkbar gewesen.

Die permanente Verfügbarkeit von Sensoren direkt am Körper zeigt Parallelen zu dieser Entwicklung auf: neue Player können mit geringen Markteintrittskosten auf dem existierenden Ökosystem aufsetzen und ihren Ideen freien Lauf lassen. Dies wird tiefgreifende Auswirkungen auf eine ganze Reihe von Industrien und Geschäftsmodellen haben.

Betroffene Industrien: Healthcare, Pharma, Versicherungen, Fitness, Home Automation

Banking ohne Banken, Illustration

Trend 2015: Banking without Banks

Während sich die Frösche auch dieses Jahr wieder einstimmig gegen die Trockenlegung des Teichs aussprachen, scheinen sich die Bankenvertreter einig zu sein, dass Bill Gates mit seiner Einschätzung “Banking is necessary, banks are not” danebenliegt. Vor dem Hintergrund, dass sie hierbei die Filiale als zentrales Element nennen, das die Banken vor der Commoditysierung schützen könne, sind hier jedoch erhebliche Fragezeichen angebracht.

Unfraglich ist, dass 2014 von einem Boom im Fintech-Sektor gekennzeichnet war: während die Banken in der Folge der Finanzkrise mit der Umsetzung verschärfter Regularien beschäftigt sind, die ihre Eigenkapitalrendite von 30 Prozent auf 10 Prozent schrumpfen ließ, werden diese Anstrengungen ihre Ressourcen auch noch bis auf Weiteres binden. Der Fokus liegt bei den eingesessenen Playern somit weniger auf der Entwicklung innovativer neuer Lösungen als auf der Sicherstellung der Compliance, während um sie herum kein Stein auf dem anderen bleibt: von der Übernahme des Frontends durch die Bündelung verschiedener Konten und datenbasierter Added-Value-Services durch neue Player über Peer-to-Peer-Lending, Crowd-Funding und Mobile-Payments bis hin zu Crypto-Currencies haben die Entwicklungen in diesem Segment eine Dynamik erreicht, in der überzeugende Antworten auf die digitalen Herausforderungen überlebensentscheidend geworden sind.

Betroffene Industrien: Banking, Kreditkartenunternehmen, Remittance

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