Produkt in nur einer Woche validieren? Geheimnis hinter Erfolg von Slack und nest

15. April 2016 Agnieszka M. Walorska (@agaw)

Bei der Entwicklung von neuen Produkten existieren zunächst viele ungeklärte Fragen: Welches Problem soll für welche Zielgruppe gelöst werden? Welche Funktionen sind hierfür erforderlich? Erfüllt das Produkt die Erwartungen der Nutzer? Was ist den Nutzern besonders wichtig?

Um planen zu können und mit der Umsetzung zu beginnen, gilt es daher stets eine ganze Reihe von Annahmen zu treffen. Meist gliedern diese sich in Kernhypothesen, die so früh und schnell wie möglich validiert werden sollten, um den häufigsten Fehler zu vermeiden: viel Zeit und Geld auf die Entwicklung eines Produktes zu verschwenden, das niemand haben will.

Zwischen der Entwicklung einer Produktidee und ihrer Validierung liegt meist jedoch viel Zeit. Zuerst wird über Wochen oder gar Monate ein Konzept erstellt, dann folgen die Konzeptfreigabe und eine oft lange Phase der Gestaltung und Entwicklung. Nutzertests werden, wenn überhaupt, halbherzig zwischendurch eingestreut oder erst ganz am Ende unmittelbar vor dem Launch durchgeführt. Der Termin steht dann bereits meist fest, ohne dass die gewonnenen Erkenntnisse tatsächlich noch einen Einfluss auf die Ausgestaltung des Produkts haben könnten. Im schlimmsten Fall wird auf diese Weise nach zwei Jahren und mehreren Millionen Euro Entwicklungskosten ein Produkt auf den Markt gebracht, das keiner nutzen möchte.

Viele Unternehmen haben mittlerweile erkannt, dass es effizientere Möglichkeiten gibt, Ideen zu validieren: darunter die Entwicklung eines Minimum Viable Products (MVP). Diese erste Produktversion ist auf ein minimales Set an Kernfunktionalitäten beschränkt, um schnellstmöglich zentrale Annahmen zu validieren und vor der Weiterentwicklung an Nutzern zu testen. Allerdings sprechen wir auch hier von einem Entwicklungszeitraum von einigen Monaten.

Geht es noch schneller? Ideenvalidierung innerhalb von 5 Tagen

5 Day Sprint

Jake Knapp, John Zeratsky und Braden Kowitz von Google Ventures haben eine Methode erarbeitet und erfolgreich mit einem breiten Spektrum von Unternehmen und Produkttypen getestet, mit der ein Produkt innerhalb einer Arbeitswoche entwickelt und getestet werden kann. Der Design Sprint verwendet eine Reihe von Tools aus dem Bereich Lean UX und User Centered Design, um die essenziellen Fragen für das Produkt oder den Service zu beantworten.


Jake Knapp und Daniel Burka zu den Vorteilen des 5-Tage-Sprints

Diese Vorgehensweise ist besonders hilfreich, wenn die Grundlagen (Zielgruppendefinition, Marktanalyse etc.) bereits geschaffen wurden und das Team auf eine spezifische Herausforderung gestoßen ist, für die eine Lösung gefunden werden soll.

Wichtigste Voraussetzungen für Design Sprint

Die richtige Challenge

Je größer die Herausforderung, desto hilfreicher wird der Sprint sein. In folgenden Situationen eignet sich die Methode besonders gut:

  • Risiko – es soll ein komplexes Problem gelöst werden und die Fertigstellung der Lösung wird sehr lange dauern und/oder sehr viel kosten;
  • Zeitdruck – Lösungsansätze werden sehr kurzfristig benötigt;
  • Stillstand – es ist schwierig, das Projekt anzustoßen, oder es hat unterwegs das Momentum verloren; hier kann der Sprint eine frische Sichtweise liefern und eine Pattsituation auflösen.

In allen drei Situationen gilt dabei das gleiche Prinzip: Es geht primär um die Customer Experience, um die Schnittstelle zwischen dem Produkt oder der Dienstleistung und dem Kunden. Menschen sind so komplex und unvorhersehbar, dass es sehr schwierig (wenn nicht unmöglich) ist vorherzusehen, wie sie auf eine neue Lösung reagieren werden.

Design-Entscheidung

Der Hauptgrund für den Misserfolg vieler neuer Ideen liegt in der Fehleinschätzung des Grads, in dem das Produkt den Bedürfnissen der Kunden entspricht. Deswegen geht es beim Design Sprint ganz bewusst zunächst ausschließlich um den Teil der Lösung, mit der der Kunde direkt interagieren wird. Erst wenn diese Oberfläche/Benutzerschnittstelle stimmt ist es sinnvoll, sich um die der Lösung zu Grunde zu legende Technologie Gedanken zu machen. Findet ein Nutzer keinen Zugang zu dem Produkt, da er es nicht versteht, kann hier auch die ausgefeilteste Technologie im Hintergrund nicht für den Erfolg sorgen.

In den 5 Tagen wird daher keine Evaluation der technischen Machbarkeit und keine Erstellung einer Spezifikation oder Definition der Systemarchitektur erfolgen.

Interdisziplinäres Team

Das Team sollte aus 5-8 Personen bestehen, die sich mit den unterschiedlichen Bereichen des Unternehmens befassen: In den meisten Fällen sollten Vertreter der Bereiche Business, Marketing, Technologie, Design und Customer Support zur Verfügung stehen. Diese Zusammensetzung variiert allerdings in Abhängigkeit von den Sprint-Zielen (bei einem unternehmensinternen Produkt könnten z.B. auch HR oder interne Kommunikation erforderlich sein).

Von essenzieller Bedeutung ist, dass das gesamte Team über die Gesamtdauer des Sprints zur Verfügung steht. In einem der Sprints, den wir durchgeführt haben, mussten sich einige Teilnehmer punktuell anderen Themen widmen und haben für einige Stunden das Sprint-Team verlassen. Dies führt zu erheblichen Produktivitätsverlusten, da sie an bestimmten Diskussionen und Entscheidungen nicht beteiligt sind und zum späteren Zeitpunkt wieder abgeholt werden müssen. Einige der Diskussionen müssen dann mehrfach geführt werden.

Entscheider

Voraussetzung für einen erfolgreichen 5-Tage-Sprint ist die Teilnahme eines Entscheiders mit der Befugnis Produktentscheidungen über den Design Sprint hinaus zu treffen. Idealerweise ist er die ganzen 5 Tage der Woche dabei. Wenn dies nicht möglich ist, sollte der Entscheider mindestens zeitweilig am Montag (Vor- oder Nachmittag) und am Mittwoch teilnehmen. Es ist zudem von Vorteil, wenn er auch am Dienstag und Freitag punktuell beim Sprint dabei ist.

Facilitator

Der Facilitator sorgt dafür, dass der gesamte Prozess „rund läuft“. Er stellt sicher, dass die Deadlines eingehalten werden und die Diskussionen nicht ausufern. Der Facilitator soll bei den Diskussionen und Entscheidungen neutral bleiben und sicherstellen, dass alle Beteiligten zu Wort kommen. Es bietet sich daher an, für diese Rolle eine Person von außerhalb des Unternehmens zu engagieren. In keinem Fall sollte eine Person sowohl die Rolle des Entscheiders als auch des Facilitators innehaben.

Dedizierte Räume

Um die Kontinuität des Sprints sicherzustellen, soll dem Team für die gesamte Woche ein Raum zur Verfügung stehen. Am letzten Tag wird der Prototyp an echten Kunden bzw. Nutzern getestet. Dafür sind zwei Räume von Vorteil: ein Raum für Nutzerinterviews und und ein weiterer Raum, in dem das Sprintteam die Interviews via Videokonferenz mitverfolgt.

Gründe für Design Sprint

  • Schnelle und günstige Entwicklung: In nur einer Arbeitswoche wird ein validiertes Produkt entwickelt. Dieses ist natürlich noch nicht vollständig, da der Fokus ausschließlich auf den für den Nutzer sicht- und erlebbaren Elementen liegt. Die dahinterliegende Funktionalität wird gefaked und ist noch nicht zu entwickeln. Hohe, über mehrere Monate laufende Investitionen für die Umsetzung des kompletten Produkts werden somit vermieden oder vielmehr erst freigegeben, wenn diese erste Hürde der Validierung mit tatsächlichen Nutzern genommen wurde.
  • Risikominimierung: Auch wenn eine Idee am Ende des Sprints auf keine Gegenliebe bei den Nutzern stößt und damit negativ validiert wurde, ist diese Erkenntnis bereits ein Erfolg, da sie mit einem sehr geringen Aufwand gewonnen wurde.
  • Fundament für weitere Entwicklungen: Die Zeit reicht nur, um ein oder zwei Ideen zu testen. In den ersten zwei Tagen entstehen jedoch eine Reihe von Ideen, die nachfolgend jeweils innerhalb von zweieinhalb Tagen validiert werden können.
  • Team und Workflow: Die 5-tägige Intensivarbeit hilft bei der Bildung eines Teams und bei der Etablierung eines effizienten Workflows.
  • Es macht Spaß: An jedem Tag wird nur 6 Stunden gearbeitet und in 80% der Zeit wird kein PC, Tablet oder Smartphone benötigt.

Für Startups entwickelt aber auch im Corporate-Umfeld erfolgreich

Die ursprünglich aus dem Tech-Startup-Umfeld stammende Vorgehensweise des 5-Tage-Sprints mit den Anforderungen an schnelle Iterationen, datenbasierte Erkenntnisse und begrenzte Budgets, findet mittlerweile in einem breiten Spektrum von Unternehmen Anwendung: Von einem Online-Shop für Kaffee über Googles Milliarden-Akquisition Nest oder selbstfahrende Autos bis hin zum Investitionsgüterbereich zur Validierung einer neuen Generation von Industriepumpen ist der 5-Tage-Sprint übergreifend mit großem Erfolg im Einsatz.

Die Methode ist ideal, um Produktentwicklungen in großen Unternehmen innerhalb der häufig starren Unternehmensstrukturen zu beschleunigen. Die so gewonnen Erkenntnisse verschaffen dem Unternehmen einen Marktvorteil, da neue Ideen und Konzepte günstig und schnell auf ihre Erfolgsaussichten am Markt geprüft und optimiert werden können.

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