Bank-Innovation: Corona-Pandemie als Digitalisierungsbeschleuniger?

23. April 2020 Alexander Braun (@almarrone)

Der globale Lockdown als Antwort auf die Corona-Pandemie hat Millionen Unternehmen und Selbständige in eine existentielle Krise gestürzt. Über Nacht wurden daher von Regierungen und Zentralbanken Kredit- und Förderprogramme in einer Dimension auf den Weg gebracht, die historisch einmalig sind. Mit dem Umfang und der Geschwindigkeit der Verabschiedung dieser Maßnahmen sollte die Entwicklung eines Flächenbrands und damit der Kollaps des Wirtschaftssystems verhindert werden, der durch den verbreiteten Totalausfall von Einnahmen unmittelbar bevorstand.

Geschwindigkeit überlebenswichtig

Die erwünschte Wirkung konnte allerdings nur erzielt werden, wenn die Verteilung der Gelder ebenfalls mit Hochgeschwindigkeit erfolgte. Diese Aufgabe fiel also den Banken zu. Und genau hier wurde schnell ein zentrales Problem offenbar: In einem Umfeld, in dem Social-Distancing das erklärte Ziel war, musste die Verteilung ohne direkte menschliche Interaktion erfolgen und im Interesse der Geschwindigkeit nicht in Briefform mit so wenig manueller Interaktion wie möglich. Die von A bis Z digitale Abwicklung von Kredit- und Zuschussanträgen war somit nicht mehr nur nice-to-have, sondern die einzige gangbare Möglichkeit. Dies offenbarte Versäumnisse der letzten Jahre in der Digitalisierung von Prozessen, die nun über Nacht zu einer systemkritischen Hürde geworden waren.

“How did you go bankrupt?“ „Two ways. Gradually, then suddenly.”
Ernest Hemingway, The Sun Also Rises

Dies betrifft potenziell jeden Schritt in der Kette: Von der Identifikation des Antragstellers (KYC) über die möglichst automatisierte Prüfung beispielloser Volumina an Anträgen in kürzester Zeit bis zur Auszahlung. Vielerorts wurde klar, dass die existierende Infrastruktur diesen Anforderungen bei Weitem nicht gewachsen war.

Digitalisierung mit Nachholbedarf

Während Landesbanken verbreitet PDF-Formulare zum Download, Ausdrucken, schriftlichen Ausfüllen, Scannen und anschließendem Hochladen zur Verfügung stellten, wählte die Investitionsbank Berlin einen graduell digitaleren Weg: Über eine eigens zur Verfügung gestellte Website konnten Anträge direkt ausgefüllt und eingereicht werden. Zumindest in der Theorie. Überlastet durch den Ansturm von 20.000 gleichzeitigen Anfragen ging der Server in die Knie und es musste im digitalen Raum kurzerhand ein Prozess der analogen Welt nachgebaut werden: der der Warteschlange. In dieser befanden sich zu Spitzenzeiten über 100.000 Antragsteller, die teilweise über 24 Stunden darauf warten mussten, an der Reihe zu sein. Beide Implementierungen – das PDF-Formular mit unnötigen Medienbrüchen und die Direkteingabe via Website mit langen Wartezeiten – lieferten ein Benutzererlebnis, das weit von einer nutzerfreundlichen Lösung entfernt war.

Die Hausbanken, zur Verteilung der KfW-Darlehen in die Verantwortung genommen, mussten hier zum Teil im Eiltempo digitale Antragsstrecken etablieren. Schnell meldeten Fintechs in Großbritannien und Deutschland ihre Bereitschaft an, ihre Technologie zur Unterstützung zur Verfügung zu stellen. Das Versäumnis der vergangenen Jahre, den Wert der Digitalisierung in erster Linie auf Basis von Kosteneinsparpotenzialen zu beurteilen, statt sie als das zentrale Element für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu begreifen, rächt sich nun vielerorts.

Leapfrogging: Überholt von China und Afrika

Hier lohnt ein Blick in Länder, die mangels existierender Legacy-Systemlandschaften keine Sunk-Cost-Überlegungen anstellen mussten und daher auf der grünen Wiese starten und die westlichen Industrienationen rechts überholen konnten. Wie der AI-Experte und frühere Leiter von Microsoft und Google im asiatischen Raum Kai-Fu Lee in seinem Buch AI-Superpowers treffend beschreibt, hat China den Westen in vielen Bereichen des Einsatzes von künstlicher Intelligenz längst überholt.

So beurteilen Fintech-Unternehmen hier das Ausfallrisiko bei der Kreditvergabe durch eine Vielzahl von Parametern auf dem Smartphone des Antragstellers, die weit über die offensichtlichen Aspekte hinausgehen. Relevante Korrelationen zu Parametern wie Geschwindigkeit der Eingabe des Geburtsdatums und der Ladestand der Batterie konnten hier unter anderem identifiziert werden. Aber auch branchenfremde Player aus dem E-Commerce-Umfeld können plötzlich in das Kerngeschäft von Banken eindringen, da sie bei der Kreditvergabe ein weites Spektrum zusätzlicher Daten einbeziehen können. Nicht ohne Grund ist mit Ant Financial eine Ausgründung des E-Commerce-Giganten Alibaba zum wertvollsten Unicorn der Welt mit einer Bewertung von $200 Milliarden aufgestiegen.

Aber auch auf dem afrikanischen Kontinent konnte auf Basis von Daten aus der Not eine Tugend gemacht werden. Hatte der fehlende Zugang weiter Bevölkerungsteile zu einem Bankkonto eine finanzielle Inklusion und damit wirtschaftlichen Aufschwung bislang verhindert, konnte das Fintech Branch eine Reihe von Parametern identifizieren, die das Henne-Ei-Problem von fehlender Kredithistorie – kein Risikoprofil – keine Kreditvergabe – fehlende Kredithistorie – überwinden konnten. Einige offensichtliche – und weniger offensichtliche – Parameter für eine positive Korrelation zur Kreditwürdigkeit:

  • Marke des Smartphones
  • sparsame Batterienutzung
  • überwiegende Annahme von Telefonaten am Abend
  • empfangen von mehr Textnachrichten, als man versendet
  • Glücksspiel-Apps auf Smartphone installiert

Den Vorteil, auf der grünen Wiese etablierte Player zu überholen, die in ihren Legacy-Investments gefangen sind, existiert jedoch nicht nur im Wettbewerb unter Ländern. Innerhalb der westlichen Industrienationen sollte spätestens ein einschneidendes Event wie die Corona-Pandemie klar gemacht haben, dass Startups zur Bedrohung der Banken werden, die ihre Digitalisierung bislang nur unzureichend vorangetrieben haben.

Kreditvergabe im Wandel der Digitalisierung

In diesem Zusammenhang hat Capco bereits Ende 2018 über 100 Kreditinstitute rund um die Themen Kundenerlebnis, Angebot, Wertschöpfungskette und Industrialisierung befragt, die zentrale Pfeiler eines digitalisierten Kreditgeschäfts sind. Zu den Befragten gehörten sowohl die Banken als auch ihre Kunden. Zusammengefasst wurden die Erkenntnisse in der Studie „Kreditmanagement im Wandel der Digitalisierung“ mit vielen spannenden Erkenntnissen und Empfehlungen.

Aktuell arbeitet Capco an der Neuauflage dieser Studie und sucht daher noch nach Teilnehmern. Wir freuen uns, wenn Sie uns durch Ihre Teilnahme dabei unterstützen und diesen Fragebogen ausfüllen (dauert nicht länger als 10 Minuten). Im Gegenzug erhalten Sie

  • Ergebnisse der Studie in Form des Whitepapers
  • Individuelles Ergebnis über das Abschneiden des eigenen Kreditinstituts im Vergleich zu anderen Banken
  • Detailauswertung bzgl. heutigen Kundenanforderungen an das Kreditgeschäft

Vielen Dank!

 

Titelfoto by Mirza Babic on Unsplash

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