ESG, Bitcoin und Digitale Ethik

13. April 2021 Agnieszka M. Walorska (@agaw)

Mit dem zunehmenden Fokus der Kund*innen auf das Thema Nachhaltigkeit ist auch die Nachfrage nach Finanzprodukten gestiegen, die eine transparente Darstellung ökologischer sowie sozial gerechter Aspekte und verantwortungsvoller Unternehmungsführung bieten. Diese Nachhaltigkeits- bzw. ESG-Kriterien – ESG für Enviromental, Social und Governance – stehen nun aus mehreren Gründen einmal mehr im Zentrum medialer Berichterstattung.

Ausgehend vom Trend nachhaltiger Investments hin zu tatsächlicher Regulierung wurde nun ein Rechtsakt in der Umweltpolitik der Europäischen Union festgelegt: Am 10. März 2021 wurde die „Verordnung […] über nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im Finanzdienstleistungssektor“, oder kurz „Offenlegungsverordnung“ bzw. SFDR (Sustainable Finance Disclosure Regulation) geltend gemacht. Damit sind Banken, Versicherungen und Finanzdienstleister verpflichtet, ihre Kunden über nachhaltige Produkte zu informieren – sollte danach gefragt werden.

Rund um ESG finden sich nun zwei gleichermaßen interessante wie bedenkenswerte Themengebiete, die derzeit wesentlichen Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft ausüben: Der ökologische Fußabdruck der Blockchain-Technologie sowie die digitale Ethik bzw. deren Abwesenheit innerhalb des Nachhaltigkeitskataloges.

Nachhaltigkeit und Bitcoin: Entgegengesetzte Trends?

Seit einiger Zeit beschäftigt das Thema Bitcoin bzw. Kryptowährungen nicht nur die Tech-Branche, Banken und Finanzdienstleister und Internetforen, sondern nun auch den sogenannten Mainstream. Seit Oktober 2020 schreibt die größte Digitalwährung fast täglich neue Rekorde, professionelle Investor*innen und Unternehmen – allen voran als Signalgeber par excellence Tesla-CEO Elon Musk – wenden sich Bitcoin im verstärkten Ausmaß zu. Ein damit einhergehendes Problem stellt jedoch den Energiebedarf der Technologie dar. Sowohl beim sogenannten Mining, also die Erzeugung von neuem Kryptogeld, wie auch beim Transaktionsprozess derselben sind Rechenoperationen notwendig, die ein hohes Ausmaß an Strom benötigen.

Um Kontext zu schaffen: Eine einzelne Bitcoin-Transaktion benötigt 783.63 kWh bzw. den Stromverbrauch von rund 27 Tagen eines durchschnittlichen US-Haushaltes und hinterlässt einen Co2-Fußabdruck von ca. 372 Kilogramm bzw. 824,975 VISA-Transaktionen. Tendenz steigend angesichts der Tatsache, dass mit der zunehmenden Beliebtheit der Kryptowährung auch mehr Ressourcen im Wettbewerb bei der Herstellung notwendig werden. Für das Funktionieren des Bitcoin-Netzwerks ist dieser Prozess derzeit unausweichlich.

In der Debatte rund um die Klimaauswirkungen von Bitcoins finden sich jedoch mehrere valide Ansätze, um dem hohen Co2-Fußabdruck entgegenwirken zu können. So wäre etwa ein langfristiges Ziel die Verwendung von Stromnetzen, die ausschließlich Solar-, Wind- und Wasserenergie einspeisen, um dem Energiebedarf „sauber“ zu halten.

Dieses Vision entspricht, zumindest schon teilweise, der Realität, wenn man den Blick in die Volksrepublik China richtet, wo rund 65 Prozent des weltweiten Bitcoin-Mining stattfindet. Zahlreiche mobile Miner nutzen etwa die durch die Regensaison vorhandenen, besonders günstigen Energieüberschüsse aus der Wasserkraft in den Provinzen Sichuan sowie Yunnan. Dem gegenüber steht jedoch die Tatsache, dass abseits dieser saisonalen Eigenheit vorwiegend auf fossile Brennstoffe zur Energiegewinnung zurückgegriffen wird.

Eine andere Methode könnte die Abkehr von der „Proof-of-Work“-Validierung, die bei Bitcoin zur Anwendung kommt, darstellen. Derzeit wird Rechenleistung und Ressourcenverbrauch honoriert und Kryptowährung als Lohn für die durchgeführte Lösung mathematischer Herausforderungen ausgeschüttet. Bei der Verwendung des „Proof of Stake“-Verfahrens könnte nun aber auf einen ähnlich zeit- und energieaufwändigen Mining-Prozess verzichtet werden: Hier bekommen Personen im Ausmaß ihres Cryptocurrency-Umfangs entsprechend Validierungs- oder Mining-Privilegien. Wer an der Proof-of-Stake-Validierungsmethode teilnehmen will, muss dafür Kryptowährung abgeben – wer etwa ein Prozent der verfügbaren Bitcoin besitzt, kann theoretisch nur ein Prozent minen.

Auch andere Bitcoin-Transaktionen stellen einen umweltfreundlicheren Lösungsansatz dar: Mithilfe eines Lightning Network, also ein einzelner Zahlungskanal zwischen zwei Benutzern, könnten etwa Transaktionen gebündelt und damit weniger Strom für den gesamten Prozess genutzt werden.

Das Problem von ESG-Ratings am Beispiel Tesla

Ein wesentliches Problem ist aber auch die Einstufung der Nachhaltigkeit eines Unternehmens selbst: Ausgehend von der jeweiligen ESG-Ratingagentur können die teils sehr umfangreich ausgestalteten Bewertungskriterien sehr spezifisch sein. Zudem gibt es derzeit auch keine allgemeingültige Standardisierung der Ratings.

Daraus ergibt sich eine Problematik, die mithilfe des Elektrofahrzeug-, Stromspeicher- und Photovoltaikanlagen-Herstellers Tesla als prominentes Beispiels gut verdeutlicht werden kann. Tesla-CEO Elon Musk gilt als Aushängeschild für klimafreundliche Technologie und Ikone für Elektromobilität, dass Unternehmen selbst weist sich mit einem Null-Emissions-Ethos aus. Als einer der reichsten Personen weltweit sorgt Musk immer wieder für Aufmerksamkeit, wenn er, wie etwa Ende Januar 2021, scheinbar spontan über eine Kurznachricht auf Twitter 100 Millionen US-Dollar für die innovativste CO2-Speichertechnologie auslobt. Kapp zwei Wochen später gibt der Unternehmer wiederum bekannt, 1,5 Milliarden in Bitcoin investiert zu haben und zudem dem Kauf von Tesla-Fahrzeugen mit der Kryptowährung zu ermöglichen. Mit diesen beiden scheinbar konträr zueinander stehenden Aktionen wird auch die Nachhaltigkeit-Problematik bei der Beurteilung aufgezeigt. So gibt etwa die Ratingagentur MSCI dem Unternehmen angesichts ihres Beitrags zu Umweltlösungen (als reiner Elektroautohersteller im Wettbewerb mit Konkurrenten, die Verbrennungsmotoren nutzen) eine hohe ESG-Bewertung, während das Ratinghaus Sustainalytics zu einer vergleichsweise niedrigeren Wertung angesichts der schwachen Unternehmensführung kommt. Die vermeintliche „Wahrheit“ liegt wohl in der Mitte und im Auge des Betrachters.

Wie die Aufnahme der Kryptowährung in Teslas Investmentportfolio auf künftige Ratings einwirken wird, bleibt demnach abzuwarten. Auch langfristige Auswirkungen durch den Eintritt eines Unternehmens dieser Größenordnung und medialer Aufmerksamkeit sind kaum abzuschätzen: So könnte damit zwar einerseits der verstärkte Anreiz für die Produktion von nachhaltig hergestellten Bitcoin geschaffen, andererseits aber durch die erhöhte Nachfrage auch der Wettbewerb und damit Energieverbrauch für den Mining-Prozess angekurbelt werden. Mit dem von Musk durchgeführten Investment wurde jedenfalls ein Hype ausgelöst, der für digitale Zahlungsmittel einen weiteren Schritt in Richtung Mainstream-Akzeptanz bedeutet.

Nachhaltigkeit – ohne digitale Ethik

Ein anderes Themengebiet abseits der ökologischen Nachhaltigkeitsaspekte stellt jenes der digitalen Ethik dar. Oftmals zugunsten anderer Problemstellungen in den Hintergrund gerückt, ist gerade Nachhaltigkeit im Umgang mit Daten im Kontext der Digitalisierung von zunehmender Bedeutung.

Mit dem rasanten Wachstum von Tech-Unternehmen, ihren zunehmenden Einfluss und innovativen Lösungsansätzen bewegen sie sich oftmals auf gänzlich ungeregeltem Terrain. Als Bereitsteller von neuen Kommunikationswegen, Disruptoren zahlreicher Geschäftsfelder und gesellschaftlicher Verhaltensweisen nehmen sie eine Sonderstellung ein, der es auch mit entsprechenden ausgestalteter Regulierung zu begegnen ist.

Entscheidende Fragen zum Ethik-Verständnis der mächtigsten digitalen Plattformen wirft dabei der „Ranking Digital Rights Corporate Accountability Index“ zur Unternehmensverantwortung auf – und liefert in weiterer Folge auch gleich die bedenklichen Antworten mit. In diesem jährlich neu ausgewerteten Ranking wird ersichtlich, dass die digitalen Rechte von Milliarden von Internetnutzern nicht ausreichend geschützt werden. Von mangelnden oder auch einschränkenden Maßnahmen bei der Meinungs- und Informationsfreiheit, zur menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht, Umgang mit Miss- und Desinformation sowie dem Schutz privater Daten bzw. der Privatsphäre der Nutzer*innen: Keiner der insgesamt 26 getesteten, meist global agierenden Tech-Konzerne konnte eine gute Bewertung erzielen.

Angesichts dieser Erhebungen sollte ein Umdenken stattfinden, um nicht nur das technologisch Machbare, sondern das moralisch Wünschenswerte in den Fokus zu stellen. Unternehmen sollten maximale Transparenz zur eigenen Datensammlung sowie jener von etwaigen Dritten schaffen und dabei auch dem Nutzer in weiterer Folge Einblick in den gesamten Lebenszyklus dieser Daten offerieren – Von der ersten Erfassung über die potentielle Weitergabe bis hin zu etwaigen Löschung. Diese Einsicht sollte auch auf zielgerichtete Werbepraktiken ausgeweitet werden, damit betroffene User, deren Daten für weitere Zwecke genutzt werden sollen, auch die Möglichkeiten haben, mit ausreichend Informationen im Vorfeld selbstständig ihre Zustimmung oder Ablehnung geben zu können.

Den Nachhaltigkeitsaspekt gilt es bei künftigen regulatorischen Maßnahmen angesichts dieser Sachverhalte jedenfalls zu erweitern, um eine Fokussierung auf Themen voranzutreiben, die bislang nur zeitverzögert wahrgenommen wurden.

 

Quellen

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