Digitale Transformation: Warum nicht Uber das Problem ist

13. Juli 2015 Alexander Braun (@almarrone)

Vor einigen Wochen entlud sich der Zorn eines Berufsstandes auf die Konsequenzen der technologischen Umwälzungen gewaltsam auf der Straße: in Frankreich errichteten Taxifahrer Blockaden, zündeten Autos von Uber-Fahrern an, die sich ebenso wie ihre Passagiere in Sicherheit vor einer prügelnden Masse bringen mussten.

Kurzfristig scheint dieses Vorgehen der Taxifahrer von Erfolg gekrönt gewesen zu sein: so ordnete der französische Innenminister an, dass Fahrzeuge von UberPOP-Fahrern, dem Uber-Service, über den jeder seine Fahrdienste im Privatauto anbieten kann, ab sofort beschlagnahmt werden. Als Reaktion stellte Uber diesen Dienst in Frankreich daher bis auf Weiteres ein.

It’s not Uber – it’s me…

Der Aufstand der Taxifahrer ist vor dem Hintergrund, dass ihr Lebensunterhalt in Gefahr ist, durchaus nachvollziehbar und Uber liefert mit seinem rigorosen, oft existierende Regularien missachtenden Vorgehen reichlich Angriffsfläche. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass viele Regularien, die bei ihrer Aufstellung wohlbegründet waren, heute keinen Sinn mehr ergeben: dass Passagiere bei einem Unfall versichert sein sollten und die Fahrtüchtigkeit des Fahrers zu belegen ist, wird sicher keiner in Abrede stellen. Dass für die Zulassung zum Taxifahrer aber auch detaillierte Straßenkenntnisse erforderlich sind, lässt sich in Zeiten von GPS wohl nur schwer vermitteln und errichtet eine künstliche Hürde, die schon allein vor dem Hintergrund anachronistisch ist, dass sich jeder Taxifahrer unterdessen auf die Navigation via GPS verlässt. Die Konsequenz des Wandels ist, dass das Wissen und die Fähigkeit eines Taxifahrers heute nicht mehr den Wert hat, den es einmal hatte. Und hierfür ist nicht Uber verantwortlich, sondern die technische Entwicklung.

Technischer Wandel reduziert Experten-Nutzen

Technische Neuerungen haben in der Geschichte immer dazu geführt, die Fähigkeiten von Experten zur Lösung eines komplexen Problems überflüssig zu machen. Während etwa die Schriftgelehrten zu einem exklusiven Kreis gehörten, der über die Abschrift der Bibel das Problem der Verbreitung dieses Buches adressierte, fiel dieses Problem mit der Einführung des Buchdrucks weg. Grund genug für sie ein Manifest zu verfassen, in dem sie sich zur Wahrung der kulturellen Werte gegen den Buchdruck aussprachen. Bezeichnend wie bei allen vergleichbaren Entwicklungen war auch hier, dass das eigentliche Problem, zu dessen Lösung sie angetreten waren – die Verbreitung der Bibel – nicht mehr im Zentrum ihrer Argumentation stand. Und sogar die Methode ihres Protests widersprach ihrem Inhalt: um eine möglichst große Verbreitung ihres Manifests gegen den Buchdruck zu erreichen, wählten sie die Druckmaschine für die Vervielfältigung – vergleichbar mit dem Taxifahrer, der zur Wahrung der Exklusivität seiner Tätigkeit bei gleichzeitiger Nutzung von GPS-basierten Navigationssystemen die überholte Auflage der Straßenkenntnis von anderen einfordert (ohne Sinn – aber zu Recht, da von ihm für die Zulassung ja ebenfalls verlangt).

Problembewahrung als Problemlösung?

Der US-Autor Clay Shirky bringt dies wie folgt auf den Punkt:

„Institutionen werden versuchen, das Problem, für das sie die Lösung sind, aufrecht zu erhalten.“
Clay Shirky

So entschied die TFL in London zuletzt, dass es sich bei der von Uber eingesetzten Form der Abrechnung für die gefahrene Strecke, die sich aus den GPS-Daten des Smartphones des Fahrgasts ergibt, nicht um ein Taximeter handele, da dieses nach dem Buchstaben der Vorschrift fest am Fahrzeug angebracht sein müsste. Technologie und ihre Zulässigkeit wird folglich im Licht von Vorschriften geprüft, die Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alt sind und somit aus einer Zeit stammen, in denen die Technologie und die durch sie ermöglichte Problemlösung noch nicht existierte.

Gegen den Tonfilm

Flugblatt von 1929 zum Protest gegen den Tonfilm

Move fast and break things

Statt sich also an Vorschriften zu halten, die der Geschwindigkeit des Wandels nicht gerecht werden, gehen viele Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley somit bewusst aggressiv vor und schaffen Tatsachen: „move fast and break things“ ist daher nicht ohne Grund das Motto, das aus Mark Zuckerbergs Mund zum Leitspruch einer ganzen Generation von Startups geworden ist. Möchte man die Welt verändern, darf man sich nicht die Regeln vom Status quo diktieren lassen. Die Kosten verpasster Möglichkeiten, ganze Märkte umzukrempeln und als neues Unicorn – ein Startup mit Milliardenbewertung – hervorzugehen, sind höher als die Gerichtskosten, die man dafür im Zweifel zahlen muss.

Deutschland droht den Anschluss zu verlieren

In Deutschland ist man hier wesentlich konservativer. Ein weiterer Grund dafür, dass heute nicht ein einziger Tech-Player mit der Disruptions-Kraft eines Google, Apple, Facebook oder Amazon hier ansässig ist. Zur Anregung der Fantasie verpflanzte der Spiegel einen deutschen Journalisten extra nach San Francisco, damit dieser kopfschüttelnd resümiert, dass die Bewertung von Uber vollkommen überzogen sei – und wählt dafür den globalen Taximarkt als Referenzrahmen. Der Mentalitätsunterschied scheint selbst bei Bodenkontakt zu unüberbrückbar, um sich auch nur im entferntesten vorstellen zu können, dass Taxis für Uber nur einen Einstiegsmarkt darstellen: Mobilität für jeden und für alles steht als nächstes auf der Agenda – der Ersatz des eigenen Autos ebenso wie die Revolutionierung des Güterverkehrs, von FedEx, DHL und Co.

Und Taxifahrer – oder Fahrer überhaupt – kommen bereits im ersten Teil dieser Gleichung nicht mehr vor, da sie durch autonome Fahrzeuge ersetzt werden, die bereits heute eine Straßenzulassung in einigen Staaten der USA haben. Die effizientere Nutzung von Autos, die heute 96 Prozent der Zeit nur herumstehen und Kapital und wertvollen Stadtraum binden, wird sich im Kontext von selbstfahrenden Autos und dem Rückgang des StatussymbolCharakters in den nächsten Jahren tiefgreifend auf die Absatzzahlen auswirken. PricewaterhouseCoopers geht von einer Reduktion der Autoflotte um 99 Prozent aus. Was dies für eine Auto-Nation wie Deutschland bedeutet, ist unschwer abzuleiten.

Deloitte Digital Disruption Map

Kaum eine Branche wird von den Veränderungen verschont bleiben und 47 Prozent aller heute existierenden Jobs unterliegen dem großen Risiko einer vollständigen Automatisierung im Zeitraum von 20 Jahren. Während etablierte Unternehmen genau dadurch Bestand zu haben scheinen, dass sie ein etabliertes Business vor Risiken schützen, lernen immer mehr Industrien, dass das größte Risiko im derzeitigen Umfeld darin besteht, keine Risiken einzugehen. Institutionen werden – wie die Taxifahrer im Falle Uber in Frankreich – die Entwicklungen zwischenzeitlich zurückdrängen können. Die Erfolge in der Verweigerung des technischen Wandels werden aber nur kurzfristiger Natur sein.

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