UP14-Tagungsbeitrag: Der digitale Tod – Herausforderungen an die User Experience

15. September 2014 Agnieszka M. Walorska (@agaw)

Im Rahmen der Konferenzreihe Mensch und Computer 2014 hielten unsere Geschäftsführerin Agnieszka Walorska und unsere Kollegin Marie-Luise Jaeger für die Praxistagung UP14 – Usability Professionals einen Vortrag zum Thema „Der digitale Tod – Herausforderungen an die User Experience“. Den Beitrag gibt es nun hier zum Nachlesen:

Guten Tag. Mein Name ist Agnieszka Walorska. Ich bin Geschäftsführerin und Gründerin von CREATIVE CONSTRUCTION – einer Digitalagentur mit dem Fokus auf Digitaler Innovation und User Experience. Neben mir steht meine Kollegin Marie-Luise Jaeger, die als Konzepterin das Projekt begleitet hat, über das wir heute sprechen wollen.

Als „Innovationshelfer“ für die digitalen Themen kommen wir mit einem weiten Spektrum an Themen in Berührung. Aber mit dem Tod? Damit haben wir uns bis vor ein paar Monaten nicht wirklich beschäftigt. Und ehrlich gesagt war es uns am Anfang auch ein bisschen unheimlich. Nach einer Weile gewöhnt man sich aber an vieles – auch daran. Was unter anderem zur Folge hatte, dass der schwarze Humor bei uns im Büro um einiges zugenommen hat. Auch wenn oder vielleicht gerade weil uns die Ernsthaftigkeit des Themas klar ist, möchten wir nicht, dass unsere heutige Präsentation todernst (haha) wird. Das Wortspiel konnte ich mir nicht verkneifen.

10.000 Facebook-Nutzer sterben jeden Tag

Wir alle sind vermutlich schon im Internet mit dem Thema Tod in Berührung gekommen. Nach dem Tod eines Angehörigen informieren wir uns online darüber, was eigentlich in so einer Situation zu tun ist. Auch Kondolenzen werden gerade im entfernten Bekanntenkreis online, häufig auch in sozialen Medien, übermittelt. Das sind alles interessante Aspekte, mit denen wir uns in unserem Projekt auch beschäftigt haben. Aber für besonders interessant halten wir eine andere Dimension des digitalen Umgangs mit dem Tod. Eine Dimension, die einen immer größer werdenden Anteil der Gesellschaft betrifft, aber von den wenigsten bewusst wahrgenommen wird. Ein Thema, das jeden betrifft, der im Internet unterwegs ist und dort seine Daten hinterlässt. Was passiert mit diesen Daten nach unserem Tod? Folgt dem physischen Tod auch der digitale Tod?

Weltweit nutzen rund 3 von 7 Milliarden Menschen das Internet und mehr als 1,6 Milliarden von ihnen sind in mindestens einem sozialen Netzwerk angemeldet. Tendenz steigend.

Über 1,1 Milliarden davon sind auf Facebook aktiv – 10.000 von ihnen sterben jeden Tag. Es wird geschätzt, dass dadurch ca. ein Drittel aller Facebook-Accounts bereits jetzt verstorbenen Nutzern gehört. Und dieser Anteil wird weiter steigen. Laut Prognose wird es spätestens in den 2100er Jahren mehr Profile toter als lebendiger Nutzer auf Facebook geben. Und das nur, wenn Facebook weiterhin wächst. Andernfalls wird es noch früher passieren.

Was passiert mit unseren Daten, wenn wir sterben?

Konkret bedeutet das: Zu Lebzeiten sind wir online aktiv, erstellen Accounts und produzieren eine Menge Daten. Doch was passiert mit diesen Daten, wenn wir sterben?

daten-nach-tod

Man könnte sagen: „mir doch egal, ich bin dann eh tot“. So einfach ist es meist aber nicht. Was würde ich zum Beispiel hinterlassen, würde mein Flieger übermorgen auf dem Weg zurück nach Berlin abstürzen oder würde ich in der Hoteldusche ausrutschen und tödlich verunglücken (was wahrscheinlicher ist)?

Da ich weder verheiratet bin noch Kinder habe, wären meine Eltern meine direkten Hinterbliebenen. Man kann sich kaum etwas Schlimmeres als den Tod des eigenen Kindes vorstellen. Und gerade in dieser Konstellation wird das Thema des digitalen Nachlasses besonders brisant. Die meisten Eltern, deren Kinder jetzt zwischen 20 und 40 sind, können nicht unbedingt als „Digital Natives“ bezeichnet werden, meine auch nicht.

Sie würden wahrscheinlich im ersten Schritt gar nicht an meine digitalen Hinterlassenschaften denken. Vermutlich würden sie erst Wochen später von meinen Freunden darauf hingewiesen werden, dass mein Facebook-/ Twitter-/ LinkedIn-Profil weiterhin existiert. Und auch dann, wenn das Problembewusstsein geschaffen worden wäre, wären sie weiterhin ratlos, wie sie mit den Accounts und Daten umgehen sollen.

Sie würden sich fragen, ob vielleicht noch weitere Accounts existieren, in denen ich digital weiterlebe. Sie würden auch nicht wissen, wie sie Zugangsdaten zu den Profilen erhalten und was sie denn mit den Zugangsdaten tun sollen. Was wäre überhaupt in meinem Sinne?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass es zu Diskussionen innerhalb der Familie kommen würde, was man nun mit meinem digitalen Nachlass tun sollte. Sollen alle Daten gelöscht werden? Sollen meine Profile so weit es geht in sogenannte „RIP-Profile“ (die Facebook zum Beispiel anbietet) umgewandelt werden? Oder soll alles einfach so bleiben, wie es ist? Wäre es in meinem Sinne gewesen, wenn sie auf meine Bilder, Videos, Musik oder meine Dokumente auf Dropbox zugreifen würden? Dazu gäbe es bestimmt unterschiedliche Meinungen. Will ich meiner Familie aber noch nach meinem Tod Gründe für Streitigkeiten liefern? Nicht wirklich.

when-i-die

Auch wenn ich also vorhabe, noch ne Weile unter den Lebenden zu bleiben, sollte ich vielleicht zusehen, dass ich den Kram geregelt bekomme. Für den Fall der Fälle. Dann müssen meine Hinterbliebenen nur meinem Willen folgen und sich nicht über jedes Stück meiner digitalen Identität Gedanken machen.

Beschäftigen wir uns wirklich damit?

Wir haben uns im Rahmen eines Kundenprojektes mit diesem Thema beschäftigt. Aber würden wir uns, als gesunde Menschen unter 30, im Normalfall auch damit befassen? Würde es uns interessieren, was nach unserem Tod mit unseren Online-Daten passieren soll und wie wir unsere Wünsche festhalten können, sodass Vertrauenspersonen darüber informiert werden? Der Common Sense sagt „Nein“. Um aber ein etwas besseres Gefühl dafür zu bekommen, wie der aktuelle Stand dazu aussieht, haben wir eine Nutzerbefragung durchgeführt.

Diese ist rein qualitativ zu verstehen und erhebt keinen Anspruch auf methodologische Richtigkeit oder Repräsentativität. Sie war für uns aber als Quelle für einen ersten Eindruck der potenziellen Nutzer sehr hilfreich.

In der Befragung haben sich unsere Annahmen bestätigt: Wenige haben überhaupt schon mal an das Thema Vorsorge gedacht und die wenigsten an den digitalen Nachlass. Einmal darauf angesprochen, würden aber viele der Befragten das Internet für die Vor- und Nachsorge nutzen wollen. Ein Online-Angebot zu diesem Thema scheint also nicht völlig an den Nutzerbedürfnissen vorbei zu gehen.

Und in der Tat: In den USA, aber auch in anderen Ländern entstehen immer mehr Angebote, die auf die eine oder die andere Art und Weise unser „Digital Afterlife“ regeln wollen.

Hier einige Beispiele:

securesafe

Bei SecureSafe kann man beispielsweise seine Daten und Zugänge hinterlegen und einen Verantwortlichen benennen, der nach dem Tod Zugriff darauf erhält.  perpetu

perpetu ermöglicht das Verfassen einer letzten Nachricht für unterschiedliche Plattformen und mit netariusnetarius

oder mywonderfullife

wonderfullife

…kann man gleich einen kompletten Nachlassplan erstellen.

Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass der angebotene Funktionsumfang bei allen sehr unterschiedlich ist, aber auch, dass sehr gegensätzliche Gestaltungsansätze verfolgt werden. Die Designrichtungen rangieren von sehr düster bis verspielt. Es ist doch sehr erstaunlich, wie sich manche Anbieter präsentieren, wenn man bedenkt, dass die Websites spätestens nach dem Tod des Nutzers auch von dessen Angehörigen verwendet werden, und zwar noch in der Trauersituation. Ob man als Hinterbliebener dann wohl gerne lustige gezeichnete Männchen sehen möchte, die vom Himmel runter winken?

Kaum Erkenntnisse zu dem Thema

Aber woran liegt es genau, dass es so unterschiedliche und zum Teil unpassend wirkende Ansätze gibt? Egal ob es sich um den digitalen oder den analogen Nachlass handelt – der Tod ist nun mal ein prekäres, sehr persönliches und sensibles Thema; und zwar vor allem dann, wenn man sich als Hinterbliebener damit befasst. Und genau aus diesem Grund existieren kaum Erkenntnisse über das Verhalten und die Erwartungen der Nutzer und somit kann es auch keine bewährten Regeln für die Entwicklung von Online-Produkten zu dem Thema geben. Und das ist keinesfalls von Vorteil für diejenigen, die diese Angebote nutzen.

Frustration auf ganzer Linie

Wir haben auf Quora die Frage gestellt, was man bei Online-Angeboten zum Thema Tod beachten sollte. Ein Nutzer hat uns von seinem sehr frustrierenden Erlebnis berichtet und uns diese E-Mail weitergeleitet, die er von CarePages erhalten hat.

CarePages verfolgt das Ziel, Nutzern die Möglichkeit zu geben, eine Seite für schwerkranke Angehörige anzulegen. Die Nutzer sollen sich mit der Familie austauschen und den aktuellen Zustand der Person mitverfolgen können, um die Situation besser händeln zu können.

Anhand der E-Mail können wir sehen, ob dieses Ziel erfüllt wurde. Werfen wir mal einen Blick darauf.

E-Mail von CarePages

Die E-Mail beginnt zunächst mit einer Werbung, mit der der Anbieter Geld verdient. Es ist eine Werbung für Blumen und der Nutzer wird beglückwünscht, dass er einen Rabatt erhält. Der befragte Nutzer hat dazu folgendes gesagt: Ich persönlich hasse die Menschen, die dafür verantwortlich sind.

Die Sprache ist eine einzige Katastrophe: „Wir möchten Sie darüber informieren, dass Anna mit neuen Informationen zu ihrer/ihrem Angehörigen am 16.04.2014 um 09:14 Uhr aktualisiert wurde.“

Der absolute Höhepunkt des Ganzen ist aber, dass das eigentliche Update in der E-Mail gar nicht angezeigt wird, d. h. der Nutzer weiß nicht, was nun eigentlich mit seiner Angehörigen passiert ist, und das scheinbar, weil CarePages die Clickthrough-Rate steigern will. Der Nutzer dazu: Ich weiß nicht, was mit meiner Tante passiert ist, weil deren Messwerte wichtiger genommen werden als meine Gefühle. […]

Wie macht man es nun richtig?

Wir haben also gesehen, wie man in diesem Kontext einiges falsch machen kann. Aber zu sagen, „das ist doof und das ist hässlich“, ist einigermaßen einfach. Was nicht ganz so einfach ist, ist zu sagen, wie man es richtig machen sollte. Wie geht man mit einem Projekt um, das sich mit so einem unangenehmen und schwierigen Thema beschäftigt? Gelten die bekannten Heuristiken, Best Practices und Webstandards bei so einem Thema überhaupt? Können wir die bewährten Vorgehensweisen auch in diesem Projekt anwenden?

Nehmen wir zum Beispiel Usability-Tests. Diese werden normalerweise unter Lab-Bedingungen oder im Idealfall im tatsächlichen Nutzungskontext durchgeführt. Aber wie soll ich bitte schön einen tatsächlichen Nutzungskontext simulieren, wenn ich wissen will, wie der Hinterbliebene nach dem Tod eines Angehörigen vorgeht? Er befindet sich dann in einer Trauersituation. Wie kann ich also einen Nutzertest in diesem Kontext durchführen? Es wäre nicht gerade sensibel, sich Beisetzungstermine rauszusuchen, sich mit dem Prototypen an einen Friedhofsausgang zu stellen und die Rein- bzw. Rausgehenden um einige Minuten ihrer Zeit zu bitten, um ein Produkt zu testen, das sich mit dem Thema „Verlust des Angehörigen“ beschäftigt…

grave-test

Agile Vorgehensweise

Daher haben wir uns in unserem Projekt gegen die klassischen Nutzertests entschieden. Wie bekommen wir aber sonst Nutzerfeedback? Woher wissen wir denn, ob das, was wir uns ausgedacht haben, die Bedürfnisse des Nutzers trifft? Wir konnten unseren Kunden davon überzeugen, dass die klassische Wasserfall-Vorgehensweise keine gute Idee ist, dass wir schnell und agil entwickeln müssen und dass wir nicht monatelang an etwas rumkonzipieren und rumentwickeln können, was an den Nutzerbedürfnissen vorbei geht.

Sondern, dass wir schnell ein Minimum Viable Produkt bauen, für das wir schnell Nutzerfeedback erhalten können. Somit können wir schnell Fehler korrigieren und das Produkt basierend auf den Daten der tatsächlichen Nutzer, die das Angebot in Anspruch nehmen, iterativ weiterentwickeln.

Aber was heißt das jetzt konkret? Zuerst galt es, zu klären, wer überhaupt mit dem Angebot erreicht werden soll. Bei so einem Projekt lauert immer die Gefahr, „alle“ adressieren zu wollen. Sterben müssen wir ja schlussendlich alle und so gut wie jeder verliert auch irgendwann einen Angehörigen. Indem man aber versucht alle über alle Altersstufen und soziodemografischen Kontexte anzusprechen, läuft man Gefahr, niemanden richtig seinen Bedürfnissen entsprechend abzuholen. Um das zu vermeiden, haben wir uns zunächst mit folgenden Fragen auseinandergesetzt:

  • Wer beschäftigt sich tatsächlich mit dem Thema Vorsorge?
  • Wer ist viel im Internet unterwegs und sollte deshalb den digitalen Nachlass regeln?
  • Wer wird damit konfrontiert, Nachsorge für einen Angehörigen zu leisten?

Entwicklung von Personae

personae

Wir haben eine Reihe von möglichen Personae erstellt und uns entschieden, unseren Fokus auf 5 dieser Personae zu setzen. Ihre Bedürfnisse lassen sich grob in drei Bereiche einteilen:

  1. die langfristige Eigenvorsorge
  2. die kurzfristige Eigenvorsorge, z.B. im Fall einer tödlichen Krankheit sowie
  3. die Nachsorge für Angehörige im Todesfall

Einen Auszug aus einigen Personae möchten wir hier kurz beispielhaft vorstellen:

Mit der langfristigen Eigenvorsorge beschäftigt sich beispielsweise Sabine. Sie ist 32 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern. Sie möchte vorsorgen, um vor allem ihre Kinder abzusichern. Ihr geht es nicht unbedingt konkret um den digitalen Nachlass, sie möchte ihre Vorsorge aber digital verwalten können. Dabei ist es ihr wichtig, dass sie im Vorfeld alles ausführlich klärt und dass ihre Daten sicher sind.

Sylvia ist 35 und steht durch eine Krankheit kurz vor dem eigenen Tod. Sie hat deshalb nicht mehr viel Zeit und muss kurzfristig ihren Nachlass regeln. Dabei wünscht sie sich vor allem Diskretion.

Nachsorge für seinen Sohn muss Thomas, 52, leisten. Sein Sohn ist bei einem Unfall ums Leben gekommen und nun muss er sich um dessen digitalen Nachlass kümmern. Wie bereits am Anfang erwähnt, ist natürlich der Tod des eigenen Kindes eine besonders schlimme Erfahrung. Thomas steht deshalb unter einer hohen psychischen Belastung. Die Seriosität des Angebots und angemessene Hilfestellung sind sehr wichtig für ihn.

Diese Personae werden während des Projektablaufs immer wieder hervorgeholt, damit die Zielgruppe bei allen Beteiligten im Hinterkopf bleibt.

Funktionsumfang definieren

Nachdem nun die Zielgruppe eingeschränkt wurde, galt es, unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der einzelnen Personae, den Funktionsumfang für das Minimum Viable Product zu definieren. Mithilfe von Informationen aus unserer qualitativen Befragung und der Analyse von Trauerforen und ähnlichen Ressourcen haben wir Hypothesen formuliert, wie z.B.

„Wir nehmen an, dass die Checkliste für den eigenen Tod für Sabine und Sonja das Problem „Wie mache ich es meinen Hinterbliebenen einfach nach dem Tod“ lösen wird. Diese Funktion entspricht auch dem Ziel des Kunden „eigene Brand stärken durch Hilfestellung“. Wir messen den Erfolg dieser Funktion anhand der folgenden KPIs: Listennutzungsstatistiken, Interessenbekundung. Wir sind uns dabei folgender Einschränkungen bewusst: Die Vollständigkeit und Aktualität der Checklisten muss gewährleistet sein. Zudem bestehen Haftungsfragen.“

Testen

ab-testing

Um die Richtigkeit der Hypothesen zu testen, haben wir ein granulares Tracking der Interaktionen implementiert.

Bei vielen Aspekten, z.B. bei dem Thema Bildsprache und Tone of Voice, waren wir uns nicht wirklich sicher, ob wir richtig liegen, da sich aus der Recherche und Umfrage im Voraus keine klaren Indikatoren für die eine oder die andere Richtung ergaben. Um die Entscheidung auf Basis der Präferenzen der tatsächlichen Nutzer zu treffen, haben wir uns hier für A/B- bzw. multivariates Testing auf der Live-Seite entschieden. Basierend auf den Ergebnissen des Trackings und des A/B-Testings wird das Produkt permanent in kleinen Schritten weiterentwickelt, um eine optimale Nutzererfahrung zu schaffen.

Und was ist mit Erkenntnissen?

OK. So viel also zu den Problemen und den Fragen, die wir uns gestellt haben, und zu dem Prozess. Ihr würdet sicherlich gern wissen, ob wir auch relevante Erkenntnisse gewonnen haben. Haben wir, zumindest ein paar:

Eine Website sollte natürlich generell einfach zu bedienen sein, aber wenn es um ein schwieriges Thema wie den Tod geht, ist die Einfachheit noch viel wichtiger. Vor allem wenn der Aspekt der emotionalen Belastung bei dem Verlust eines Angehörigen hinzukommt. Niemand möchte etwas falsch machen. Nutzer wollen schnell an die Informationen gelangen, die sie brauchen, und nicht durch Ablenkungen, unnötige Funktionen oder lange Ladezeiten davon abgehalten werden.

einfachheit

Das bestätigen auch die Kommentare aus der Nutzerbefragung, wie zum Beispiel „Eine solche Anwendung muss sich nicht darauf konzentrieren, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen; Ich denke, sie sollte schier darauf abzielen, nützlich zu sein.“

Das heißt für unsere Umsetzung: uns auf das Wesentliche konzentrieren, Navigationswege möglichst kurz halten und Inhalte einfach auffindbar und zugänglich machen. In dem Kontext sollte auch die Barrierefreiheit nicht vergessen werden – hier haben wir uns an den BITV-Standards orientiert und werden uns auch der Prüfung unterziehen.

Schnell und einfach an die Informationen zu gelangen ist natürlich nur der erste Schritt. Und der hilft recht wenig, wenn die Qualität nicht wirklich stimmt. Die Qualität der Inhalte wird umso wichtiger, je stärker sich ein Nutzer in einer emotional aufgewühlten Situation befindet, also je konkreter er mit dem Thema Tod konfrontiert wird. Das leuchtet ein.

Wenn ich ein konkretes Problem habe, für das ich eine Lösung suche, z.B. „Was muss ich für eine Bestattung alles erledigen?“, dann möchte ich zuverlässige, korrekte Informationen finden, damit ich nichts falsch mache. Wenn ich zwecks Unterhaltung im Internet surfe, dann freue ich mich zwar über interessante Infos, bin aber nicht unbedingt darauf angewiesen, dass diese auch stimmen (auch wenn das natürlich durchaus wünschenswert wäre).

Mensch-zu-Mensch-Kommunikation

Aber nicht nur die Inhalte selbst sind entscheidend, sondern auch, wie diese kommuniziert werden. Auch hier gilt: Je stärker es um den Tod geht, desto mehr Bedeutung erhält eine Ansprache auf menschlicher, verständnisvoller Ebene für die Nutzer.

Oberstes Gebot dabei ist es, den Nutzer spürbar in den Vordergrund zu stellen und anstelle einer Nutzer-zu-Unternehmen- eine Mensch-zu-Mensch-Kommunikation zu etablieren.

Man sollte also tunlichst vermeiden, so etwas zu tun:

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und das besser auf diese Weise handhaben:

serious

Ein Nutzer hat in unserer Befragung die passende Regel dafür treffend formuliert: „[…] Minimieren Sie das Ausmaß, in dem der Nutzer sich als Nutzer und das Unternehmen sich als Unternehmen ansieht. […]“

Neben erwartungsgemäßen Erkenntnissen zu Usability und Inhalten haben sich aus der Frage nach den Designvorlieben in einer Trauer- bzw. Vorsorgesituation auch ein paar unerwartete Erkenntnisse ergeben.

Wir haben in der Befragung einige Designs zur Auswahl gestellt. Diese sollen hier nur exemplarisch an einem Bildbeispiel gezeigt werden.

Überraschenderweise haben sich einige für ein aus unserer Sicht eher klischeehaftes Design entschieden, wenn es um die Trauersituation geht (was natürlich auch daran liegen kann, dass einige Befragte sich nicht in einer Trauersituation befanden und sich dieses Design deshalb nur als passend vorstellen würden).

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Interessant sind dabei die Begründungen für diese Wahl:

  • Dieses Design ist in dieser Situation am gefühlvollsten und hat etwas Tröstliches.
  • Zwar ein typischer Look, allerdings wirken die Naturbilder sehr beruhigend und hoffnungsvoll.
  • Die erste Gestaltung spricht mich spirituell an, im Sinne eines beruhigenden Effekts auf Emotionen.

functional

Auch eine seriöse Designvariante, die wir zur Auswahl stellten, erschien vielen passend in einer Trauersituation – und das aus folgenden Gründen:

  • Sachlich, überschaubar, ohne Irreführung und Hochschaukeln der Gefühle…. die Situation ist schon schlimm genug!!!
  • Das alles zu erledigen, ist reine Formalität. Zeit für Trauer habe ich daraufhin mehr als genug.
  • Der Tod muss nicht schöner dargestellt oder gar verschleiert werden. Er ist, was er ist: endgültig. Was danach passiert, ist eben strikt seriöser Schreibkram […].

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Das seriöse Design war auch in der Vorsorgesituation beliebt. Hier wurde allerdings auch ein aufmunterndes, eher buntes Design positiv bewertet. Gründe dafür waren folgende:

  • Man bekommt hier ein gutes Gefühl, weil es mit schönen Erinnerungen verbunden ist.
  • Meine Angehörigen sollen nach meinem Fortleben […] auf die schöne Zeit zurückblicken können.

Für die Umsetzung nehmen wir daraus mit, dass eine Kombination aus mehreren Gestaltungsansätzen die Tonalität am besten trifft.

Für die Trauersituation sollte man auf eine tröstende, beruhigende Wirkung in Kombination mit Neutralität und Seriosität setzen. Für die Vorsorgesituation ist vor allem Seriosität gefragt. Das Design sollte aber nicht traurig wirken, sondern eher motivieren.

Thema Datensicherheit

Mindestens genauso wichtig wie das, was die Nutzer zu Gesicht bekommen, ist das, was sie nicht zu Gesicht bekommen sollten. Und zwar besonders das, was nicht für sie bestimmt ist.

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Der digitale Tod hat sehr viel mit Daten zu tun. Und zwar mit sensiblen Daten: Passwörter, Kontakte, womöglich Zahlungsdaten. Oder auch Nachrichten und Informationen, die zwar für meine Freunde und Angehörigen bestimmt sind, aber erst, nachdem ich hier weg bin. Angenommen, ich würde eine letzte Nachricht verfassen, die nach meinem Tod auf sämtlichen sozialen Netzwerken veröffentlicht werden soll. Schön wäre es nicht, wenn sie aus irgendeinem Grund schon zu meinen Lebzeiten erscheinen würde. Oder wenn meine posthume Nachricht an den Liebhaber auf irgendeine Art in die Hände des Ehemanns gelangen würde… Der Nutzer muss also sicher sein, dass keine Informationen in die falschen Hände geraten oder zum falschen Zeitpunkt in die richtigen Hände.

Fehlender universaler Standard

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Daraus ergeben sich aber sofort weitere Fragen. Wie kann die Wahrscheinlichkeit solcher Vorfälle minimiert werden? Welche Sicherheitsmaßnahmen sind erforderlich? Wie kann festgestellt werden, dass die Person tatsächlich tot ist und dass der Angehörige berechtigt ist, auf diese und jene Daten zuzugreifen? Leider existiert auf diese und viele weiteren Fragen noch keine eindeutige Antwort. Unter anderem, weil es an einem universalen Standard mangelt. Im Moment handhabt das jeder Anbieter so, wie er es für richtig hält – also jeder anders. Eine Unifizierung dieses Vorgangs würde den Umgang mit dem Thema und die Verwaltung durch den Nutzer enorm vereinfachen.

Die Schaffung entsprechender Schnittstellen seitens der Anbieter wie Google, Facebook oder Twitter würde zudem externen Anbietern eine bessere Möglichkeit geben, die Vorgänge zu bündeln, um die für den Nutzer unangenehme Arbeit zu erleichtern. Wir gehen davon aus, dass in den kommenden Monaten einiges in dieser Richtung passieren wird, da das Thema immer stärker an Relevanz gewinnt. Wir sind sehr gespannt auf diese Entwicklung und werden sie auch, soweit es möglich ist, aktiv mitgestalten.

Vielen Dank!

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