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Meerkat vs. Periscope: Social-Broadcasting und Video-Fragmentierung

13. April 2015 Alexander Braun (@almarrone)

Die South-by-Southwest-Konferenz (SXSW) in Austin ist bekannt dafür, dank versammelter Tech-Royalty (und allen, die sich dafür halten) schon mehrfach den Hype kreiert zu haben, der eine Reihe von Startups weit getragen hat: Twitter gehörte 2007 ebenso dazu wie Foursquare 2009 und Airbnb 2011. Auch wenn andere SXSW-Hype-Gewinner wie etwa Highlight von 2012 postwendend wieder in der Versenkung verschwunden sind, schielen daher nicht ohne Grund alle Tech-Medien jeden März wieder nach Texas, um die nächste Milliarden-Dollar-Company zu entdecken.

Meerkat vs. Periscope
Nachdem die große Erfolgsgeschichten von SXSW-Entdeckungen nun also schon ein paar Jahre zurückliegen, scheint Meerkat dieses Jahr einen Volltreffer gelandet zu haben.

Meerkat ermöglicht es den Usern, Live-Video-Streams von ihrem Handy ihren Twitter-Followern zugänglich zu machen. Zunächst nur als Nebenprojekt eines Video-Streaming-Startups gestartet, entschloss sich Gründer Ben Rubin auf Basis der vielversprechenden Nutzungszahlen nur wenige Tage nach dem Launch dazu, einen erneuten Pivot seines Startups hinzulegen, alles auf eine Karte zu setzen und sich ausschließlich auf Meerkat zu konzentrieren.

Startup-Cycle im Zeitraffer

Damit war Meerkat dem Launch einer vergleichbaren App durch Twitter zuvorgekommen, das postwendend (oder laut WSJ bereits einen Monat zuvor) ein Live-Video-Streaming-Startup namens Periscope für etwa USD 100 Millionen gekauft hatte, dessen App aber noch nicht öffentlich war. In den zwei Wochen nach dem Launch verzeichnete Meerkat ein sprunghaftes Wachstum auf 120.000 User. Zu erfolgreich für den Geschmack von Twitter in einem offensichtlich als Kernbereich betrachteten Segment: wie schon bei vielen dynamisch wachsenden Startups zuvor, die Twitter als Konkurrenten betrachtete, entzog Twitter Meerkat nun die Zugangsrechte zum eigenen Social-Graph, was den viralen Verbreitungsmöglichkeiten einen signifikanten Dämpfer verpasst.

Nur knapp zwei Wochen später gab Meerkat den Abschluss einer USD 14 Millionen Finanzierungsrunde bekannt – pünktlich zu Twitters Bekanntgabe des Launchs seines Konkurrenten Periscope. Binnen Monatsfrist hat somit eine kleine App, die angeblich von einem Meerkat-Developer in nur acht Wochen entwickelt worden war, auf der Twitter-API fußend einen sprunghaften Anstieg mit Multi-Millionenbewertung ebenso erlebt wie die offene Kampfansage durch Twitter, den Entzug der API-Nutzungsrechte und den Launch eines Konkurrenten.

Von Text über Foto und Video zu Virtual Reality

Ob Meerkat und Periscope sich langfristig durchsetzen können, bleibt abzuwarten. Sie leiden noch unter der klassischen Signal-to-Noise-Problematik, die auch Twitter außerhalb der gefühlten Omnipräsenz innerhalb der Techie-Filter-Bubble nach wie vor noch den Zugang zu echter Massenmarktkompatibilität verbaut (vom für den Novizen sehr gewöhnungsbedürftigen User Experience mit signifikanter Lernkurve einmal ganz zu schweigen). Hinzu kommt die extrem kurze Halbwertzeit, die mit Live-Streaming und dem Verfall der Erreichbarkeit des zugehörigen Links nach dem Ende des Streams nun einmal einhergeht (auch wenn Periscope hier im Gegensatz zu Meerkat auch Speichermöglichkeiten anbietet).

Die Konsequenzen werden jedoch wesentlich weitreichender sein, als es die aktuellen Evolutionsstufen der Apps derzeit zulassen und die Medienhäuser dieser Welt sollten diese Entwicklung genau verfolgen. Nicht weil die Möglichkeiten des Live-Video-Streamings grundlegend neu sind. Vergleichbare Versuche hat es schon viele gegeben (Kyte, Qik, Ustream) – jeweils mit mäßigem Erfolg.

Nachdem Video-Stream-fähige mobile Geräte unterdessen jedoch nahezu omnipräsent sind und auch die Bandbreite der mobilen Datenübertragung kein Problem mehr darstellt, scheinen allmählich auch die User in ihren Nutzungsgewohnheiten die Bereitschaft zu erreichen, die den Zugang zum Massenmarkt ermöglicht. Wie Bill Gross, Gründerlegende und Erfinder des Google zugrundeliegenden AdWords-Geschäftsmodells, die fünf zentralen Erfolgsfaktoren von Startups zusammenfasst, scheinen Meerkat und Co. den wichtigsten erreicht zu haben, auf den der Einfluss eines Gründers allerdings am geringsten ist: Timing!

Und so wie Twitter via ein geteiltes Foto der Notlandung von US-Airways-Flug 1549 im Hudson River 2009 sein Potenzial für die Live-Berichterstattung demonstrierte und zu einem Publikationskanal avancierte, an dem auch die „seriösen“ Medien von diesem Ereignis an schlagartig nicht mehr vorbeikamen, fand Periscope mit mehreren Live-Streams von der Unglücksstelle einer Gasexplosion in New York seinen ersten vergleichbaren Moment im Rampenlicht.

Während permanente Status-Updates zunächst merkwürdig erschienen, zeigen die durch Technologie-Enabler (Devices, Bandbreite, Plattformen) veränderten Nutzungsgewohnheiten die nächsten Iterationsstufen der Entwicklung auf, in der jeder ein Publisher ist: von Text (Twitter) über Bild (Instagram, Snapchat) zu Bewegtbild (Meerkat, Periscope) zu Virtual Reality und Augmented Reality (HoloLens, Magic Leap, Oculus). Nicht ohne Grund bildet für Facebook diese Evolution den Rahmen der Unternehmensstrategie in Form eines 10-Jahres-Plans:

Facebook - von Text zu Virtual Reality

Nachdem Filme wie „Strange Days“ 1995 noch eine Zukunftsvision malten, in der man in die Realität der aufgezeichneten Erlebnisse eines anderen einsteigen kann, bieten die sich abzeichnenden Entwicklungen die Perspektive des Einsteigens in die Live-Erlebnisse eines jeden:

Und so wie sich heute die wenigsten überhaupt noch vorstellen können, dass Facebook 2006 mit der Einführung des Newsfeeds einen Proteststurm auslöste, da Nutzer sich in ihrer Privatsphäre bedroht fühlten, kommt heute keine Plattform mehr ohne einen derartigen Newsfeed aus. Ganz zu schweigen von den ein Jahrzehnt davor lächerlich anmutenden Personen, die ihre Unentbehrlichkeit offensichtlich dadurch jedem kundtun mussten, dass sie ein Mobiltelefon mit sich rumtrugen und in der Öffentlichkeit wichtigtuerisch mit irgendwelchen Leuten telefonierten.

Wenn diese Erfahrungen auch nur ein entfernter Indikator für die zukünftigen Entwicklungen sind, werden wir in wenigen Jahren nicht mehr verstehen, warum Google-Glass-Träger unter anderem wegen der Möglichkeit des unbemerkten Filmens als Glassholes bezeichnet wurden. Der Formfaktor eines derartigen Devices wird auf eine unscheinbare Linse zusammenschrumpfen, die die Identifikation des Trägers nicht mehr ohne weiteres ermöglicht.

Umbruch: Fragmentierung von Berichterstattung und Video-Content

Kann ich mich also bald in jedweden Live-Stream eines jeden Users an jedwedem Ort des Globus einschalten? Wird man sich nicht mehr für das Live-Streamen rechtfertigen müssen, sondern dafür, dass man dieses ablehnt? Die Historie der Entwicklung von Technologie, Gewohnheiten, emotionalen Argumenten (Interaktion, Anerkennung) und rationalen Argumenten (etwa die Senkung von Versicherungsprämien durch die Dokumentierbarkeit eines jeden Vorfalls) sprechen ebenso dafür, wie die Literatur.

Videoaufzeichnungen haben bereits im Fall von Rodney King zur Veränderung der Geschichte beigetragen, die Dokumentation von Polizeigewalt wie zuletzt im Fall von Walter Scott zu Ermittlungen wegen Mordes gegen den Polizisten – und zu einer weiteren Beschleunigung der Ausrüstung aller Polizisten mit Kameras, die ihre Einsätze dokumentieren.

Abgesehen von den gesellschaftlichen Konsequenzen, die den Schutz vor permanenter Live-Übermittlung des eigenen Lebens – durch sich selbst oder andere – zu einem echten Luxus machen und die Sehnsucht nach „Dark Spaces“ der Abgeschiedenheit als Gegenbewegung zum derzeitigen Drang nach Publizität, Berühmtheit und Followern entstehen lassen wird, werden sich Medienunternehmen in einer Welt vollständiger Fragmentierung bereits kurzfristig grundlegend neu erfinden müssen.

TV-/Video-Fragmentierung

David Armano: Video Killed The Television Star

Der Verlust der Attraktivität des klassischen Fernsehens ist nicht allein der zeitlich starren Programmstruktur geschuldet: YouTube hat für Millenials auch einen höheren Unterhaltungswert und eine bessere Zugänglichkeit, der sich bereits in der jeweiligen Nutzungsdauer niederschlägt. Die nächste Evolutionsstufe von Bewegtbild via Vine, Snapchat, Meerkat, Periscope und Co. wird diesen Fragmentierungstrend zulasten des klassischen Fernsehens weiter beschleunigen.

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