Trend 2015: Banking without Banks

Banking ohne Banken, Illustration

Während sich die Frösche auch dieses Jahr wieder einstimmig gegen die Trockenlegung des Teichs aussprachen, scheinen sich die Bankenvertreter einig zu sein, dass Bill Gates mit seiner Einschätzung “Banking is necessary, banks are not” danebenliegt. Vor dem Hintergrund, dass sie hierbei die Filiale als zentrales Element nennen, das die Banken vor der Commoditysierung schützen könne, sind hier jedoch erhebliche Fragezeichen angebracht.

Unfraglich ist, dass 2014 von einem Boom im Fintech-Sektor gekennzeichnet war: während die Banken in der Folge der Finanzkrise mit der Umsetzung verschärfter Regularien beschäftigt sind, die ihre Eigenkapitalrendite von 30 Prozent auf 10 Prozent schrumpfen ließ, werden diese Anstrengungen ihre Ressourcen auch noch bis auf Weiteres binden. Der Fokus liegt bei den eingesessenen Playern somit weniger auf der Entwicklung innovativer neuer Lösungen als auf der Sicherstellung der Compliance, während um sie herum kein Stein auf dem anderen bleibt: von der Übernahme des Frontends durch die Bündelung verschiedener Konten und datenbasierter Added-Value-Services durch neue Player über Peer-to-Peer-Lending, Crowd-Funding und Mobile-Payments bis hin zu Crypto-Currencies haben die Entwicklungen in diesem Segment eine Dynamik erreicht, in der überzeugende Antworten auf die digitalen Herausforderungen überlebensentscheidend geworden sind.

Betroffene Industrien: Banking, Kreditkartenunternehmen, Remittance

Intro

Banken haben vor dem Hintergrund verschärfter Regularien infolge der Finanzkrise mit einem Zusammenbruch der Eigenkapitalrendite zu kämpfen. Während sie noch mit der Sicherstellung der Compliance und damit erhöhten Kosten der Geschäftstätigkeit zu kämpfen haben, werden sie an allen Fronten von neuen, innovativen und flexiblen Playern ohne der Altlast von Legacy-Systemen in ihrem Kerngeschäft angegriffen, die ihnen auch noch die Einnahmenseite streitig machen. Wenn sie in diesem dynamischen Umfeld ihren Fortbestand aus der eigenen Geschäftstätigkeit und nicht nur aus staatlichen Schutzmaßnahmen heraus sichern wollen, müssen sie Antworten auf die drängenden digitalen Herausforderungen finden.

Die zunehmende Dynamik in diesem Bereich spiegelt sich auch in VC-Investments im Bereich von FinTech wider, die laut StrategyEye von USD 520 Mio. in 2010 auf USD 2,8 Mrd. in 2014 gewachsen sind:

FinTech VC-Invesments

Diese Zahlen spiegeln allerdings nur einen kleinen Teil der Investments in diesem Segment wider. Um die Dynamik in ihrer ganzen Breite darzustellen, müssten noch die internen Investments der großen Tech-Player miteinbezogen werden, die in FinTech expandieren. So haben etwa Google, Facebook, Amazon, Alibaba, Microsoft, PayPal und Vodafone bereits eine Banklizenz in Europa. Deloitte sieht daher für Banken einen „Adapt-or-die-Moment“ durch Tech-Unternehmen gekommen. Accenture geht davon aus, dass traditionelle Banken bis 2020 bis zu 35 Prozent ihres Marktanteils an reine Online-Player und Nichtbanken verlieren könnten, während die Generation der Millennials Banken an erster Stelle der Industrien sieht, die in den kommenden Jahren der Disruption zum Opfer fallen werden.

Welches sind die zentralen Herausforderungen, die für uns „Banking without Banks“ zum Top Tech-Trend 2015 gemacht haben?

Personal Finance Management: It's the customer experience, stupid!

Apple ist nicht nur das wertvollste Unternehmen der Welt geworden, sondern hat mit einer Bewertung von derzeit über USD 700 Mrd. den nächstplatzierten Player Exxon Mobil mit einer Bewertung von derzeit knapp USD 400 Mrd. nahezu deklassiert. Im Zentrum dieser Entwicklung steht eine Überzeugung Steve Jobs‘, die Banken bislang sträflich vernachlässigt haben:

„You’ve got to start with the customer experience and work back toward the technology – not the other way around.“  Steve Jobs

Dabei geht es nicht nur um ein ansprechendes Design, sondern um die gesamte Funktionsweise eines Services: „Design is not just what it looks like and feels like. Design is how it works.“

An beiden Fronten, einem ansprechenden Look&Feel und der Funktionsweise des Online-Bankings, sind Banken meist Welten von den Ansprüchen einer Zielgruppe entfernt, die vom iPhone sozialisiert wurde. Wie ist es in einer Welt von kostenlosem Cloud Storage im Gigabyte-Bereich, Big Data und Search vermittelbar, dass etwa Kontobewegungen nur für einen Zeitraum von sechs Monaten einsehbar und nur über Umwege wie Ctrl+F nach bestimmten Transaktionen durchsuchbar sind?

Wenn schon derartige Basics im Online-Experience der Banken nicht abgedeckt werden, kann von weiterführenden Services wie etwa der Bündelung unterschiedlicher Konten in einer Übersicht auch über Bankengrenzen hinweg (Multibanking), Festlegung von Sparzielen, Übersicht nach Ausgabeart, etc.pp. gar keine Rede sein. Der Einblick in all diese Transaktionen könnte für Banken der Ansatzpunkt für den Verkauf eines breiten Spektrums an Zusatzleistungen sein: warum nicht über den Einblick in die Sparziele eines Kunden attraktive Finanzierungsmöglichkeiten anbieten? Warum nicht über den Einblick in laufende Versicherungsverträge Optimierungsvorschläge machen?

Da die Banken diesen Bedarf bislang nicht abgedeckt haben, sind in dem Bereich der digitalen Experience des Bankings eine ganze Reihe neuer Player entstanden, die das Grunderfordernis einer jeden Interaktion wie das im Frühjahr von BBVA übernommene Startup Simple zum Teil sogar im Namen führen. Das Frustrationslevel von Millennials hat ein Maß erreicht, dass über 70 Prozent einen Zahnarztbesuch einer Bankberatung vorziehen. Wann hatte eine Bank zuletzt Gelegenheit, sich Kundenfeedback wie das folgende anzuhören?

„I just want to tell you guys that I love you. This bank has changed my life and I am loving banking now! Thank you!!“
— Gromit M.

Vergleichbares kennt man nur aus Vorstandsmeetings, in denen die versammelte Mannschaft fasziniert um ein iPhone herumstand. Dies ist das Potenzial der Emotionalisierung der User Experience: Komplexes einfach zugänglich machen, Fokussierung auf zentrale Bedürfnisse, die ganzheitlich abgebildet werden und stets die Zielgruppe als Ausgangspunkt haben – und nicht Systeme.

Welche Bedeutung die Digitalisierung für Banken hat, macht nicht zuletzt die Bain-Studie zur Zukunft des Retail-Bankings deutlich: während Online-Kunden jährlich wesentlich mehr Transaktionen ausführen und loyaler sind, als der klassische Filialkunde, gehen die durch Filialmitarbeiter abgewickelten Transaktionen pro Jahr um 10 bis 15 Prozent zurück.

Transaktionen Online-Banking

 

Mehr als 60 Prozent aller Transaktionen erfolgt bereits online oder mobil. Rechnet man den Nutzungsanteil von Selbstbedienungsgeräten mit Internetfunktionalität in den Bankfilialen hinzu, steigt der Nutzungsanteil der digitalen Kanäle in den kommenden Jahren auf bis zu 95 Prozent. Wollen Banken also tatsächlich nicht zum Commodity werden, müssen sie sich durch ihr digitales Experience differenzieren. Derzeit laufen sie Gefahr, dass andere Player die Schnittstelle zum Kunden in der digitalen Welt besetzen und der von ihnen gebotene Service vollkommen ersetzbar wird.

Player im Personal-Finance-Management-Segment:
Simple, MovenLevelmoney, Numbrs, AvubaNUMBER26

Über das Experience des Bankkontos hinaus, besteht auch in angestammten Geschäftsfeldern der Banken große Dynamik. Diese geht von Peer-to-Peer-Lending- und Crowd-Funding-Plattformen über mobile Payments und internationalen Zahlungsverkehr bis hin zu grundsätzlich neuen Zahlungsmitteln wie Crypto Currencies.

Peer-to-Peer-Lending

Große Dynamik entfaltet sich auch im Bereich der Kreditvergabe. Startups wie das 2006 gegründete und dieses Jahr mit einer Bewertung von fast USD 9 Milliarden an die Börse gegangene LendingClub brechen die Wertschöpfungskette der Banken durch die Kreditvergabe von Privatpersonen an Privatpersonen auf. Sie versprechen durch die Umgehung von Banken niedrigere Kosten, die sie in Form von niedrigeren Zinsen an Kreditnehmer und einer höheren Rendite für Kreditgeber weiterreichen.

Seitdem hat LendingClub bereits Kredite im Volumen von über USD 6 Milliarden vergeben und damit gerade einmal an der Oberfläche des USD 3 Billionen-Marktes (USA) für Konsumentenkredite gekratzt. Auch wenn private Kreditgeber auf einigen dieser Marktplätze unterdessen weitgehend von institutionellen Investoren verdrängt worden sind und der tatsächliche Peer-to-Peer-Charakter eher ein Marketing-Slogan ist, ermöglicht dieses System eine Effizienz und Geschwindigkeit der Entscheidungsfindung bei der Kreditvergabe, die man bei Banken vergeblich sucht.

Player im Peer-to-Peer-Lending-Segment:
LendingClub, Prosper, Zopa, Ondeck, Zencap (für Unternehmen), Auxmoney, Lendico

Mobile Payments

Not macht erfinderisch: unterentwickelte Finanzsysteme in Kenia führten 2007 zur Einführung von M-Pesa. Während vorher mangels Bankfilialen in ländlichen Regionen und mangels Verbreitung von Bankkonten Bargeld physisch herumgeschickt werden musste und häufig nicht mehr viel davon ankam, ermöglicht es M-Pesa nun, Geld via SMS zu schicken. Bei Landbewohnern, die M-Pesa nutzen, ist infolgedessen des Haushaltseinkommen um 5 bis 30 Prozent gestiegen. Hierfür sind nicht einmal Smartphones nötig, ein einfaches Feature-Phone reicht aus.

Mit 15 Mio. Nutzern ist M-Pesa in Kenia so erfolgreich, dass bis zu 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts durch diesen Service fließen: Taxifahrten, Einkäufe des täglichen Bedarfs – kaum etwas, das nicht via M-Pesa bezahlt wird. Betrieben wird M-Pesa vom Mobilanbieter Safaricom, der zu 40 Prozent zu Vodafone gehört. Der überwiegende Teil sämtlicher Zahlungen findet in Kenia folglich komplett ohne Banken statt.

Seit 2008 bietet Vodafone diesen Service u.a. auch in Afghanistan an. Er wird dort unter anderem für die Auszahlung von Gehältern eingesetzt, die auf diese Weise erstmals ohne Mittelsmänner möglich wurden. Für viele wirkte dies wie eine Gehaltserhöhung: während bislang viele Hände mitverdient hatten und die Zahlungen intransparent waren, kam nun plötzlich die volle Summe beim Empfänger an. Entwicklungs- und Schwellenländer sind auf diese Weise im Handumdrehen zum Vorreiter mobiler Payments geworden, die nun auch in den ersten europäischen Ländern lanciert werden.

Während etablierte Zahlungsanbieter und Banken bei Services wie M-Pesa außen vor bleiben, drängen in den westlichen Industriestaaten mobile Payment-Services auf den Markt, die an die bestehende Infrastruktur andocken. Banken sucht man unter den Anbietern eines solchen Services auch hier vergeblich. Sie sind hier aber zumindest (noch) Teil der Gleichung.

Apple Pay

Spätestens seit dem Launch des iPhone 5s mit Fingerabdrucksensor im Herbst 2013 war den meisten klar, dass Apple einen Vorstoß in mobile Payments starten würde. Mit dem Launch des iPhone 6 im September stellte Apple dann auch erwartungsgemäß sein mobiles Payment-System Apple Pay vor. Wie gewohnt war Apple auch hier kein First-Mover: Google bietet seinen mobilen Payment-Service Google Wallet bereits seit Herbst 2011 an. Mit überschaubarem Erfolg. Da viele Android-Gerätehersteller nicht davon überzeugt waren, dass Händler Google Wallet akzeptieren würden, wurden nur wenige NFC-fähige Geräte auf den Markt gebracht. Da Apple die Hard- und Software in jedem Detail selber kontrolliert, ist es nicht auf die Kooperation von Geräteherstellern angewiesen und kann somit seinem Vormarsch in mobile Payments gegenüber Händlern wesentlich mehr Glaubwürdigkeit verschaffen, dass ihr Investment in die Infrastruktur lohnt.

Während ein Verbund an Händlern in den USA sein eigenes System etablieren möchte, um damit die Kreditkartengebühren zu umgehen und Einblick in die Kundenhistorie zu haben und Apple Pay derzeit boykottiert, haben in den ersten drei Tagen des Betriebs von Apple Pay bereits über 1 Mio. iPhone-Nutzer ihre Kreditkarteninformationen hinterlegt. Die Nutzerfreundlichkeit von Apple Pay, die Marktmacht (bereits 800 Mio. Kreditkarteninformationen in iTunes hinterlegt) und der Track-Record von Apple die Bedürfnisse der Nutzer zu treffen spricht für den Konzern und Händler werden sich den Kundenforderungen nicht verschließen können, sollten die vielversprechenden Nutzungszahlen von Apple Pay anhalten. Bis dahin sind jedoch sicherlich noch große Hürden zu überwinden.

Von Vertretern des Handelsverbandes wird beanstandet, dass Apple Pay nicht wirklich revolutionär sei, da es nach wie vor noch auf Kreditkarten aufsetze und damit nicht zur Einsparung der sogenannten Swipe-Fees führen würde, die sich allein in den USA auf über USD 40 Mrd. pro Jahr belaufen. Obwohl Apple sich in den Verhandlungen eine Beteiligung an diesen Gebühren sichern konnte und sich Apple Pay damit in absehbarer Zeit zu einem Milliardengeschäft entwickeln könnte, sind diese Zahlen allein wohl nur ein Krümel in Apples Kuchen. Um die Erfolgschancen zu erhöhen und gleichzeitig den Wert des iPhone-Ökosystems zu erhöhen, greift Apple die etablierten Player wie Banken und Kreditkartenunternehmen (zumindest zunächst) nicht direkt an. Diese unterstützen Apples Anstrengungen auch auf Kosten ihres eigenen Anteils an den Swipe-Fees, da sie durch die Vereinfachung bargeldloser Zahlungen gesamthaft ein Wachstum dieses lukrativen Geschäftes bei gleichzeitiger Reduktion der Betrugsfälle erwarten.

Fazit

Die interessante strategische Frage, die Banken und Kreditkartenunternehmen um den Schlaf bringen sollte, bleibt jedoch: wer diktiert die Bedingungen, sobald ein System wie Apple Pay oder aber M-Pesa zu einem de-facto-Standard geworden sein sollte und wer kann die Gewinne einstreichen? Wozu sollte Apple dann noch den Umweg über Kreditkarten gehen, der Effizienz und Margen kostet? Es wäre nicht die erste Industrie, die von Apple in zunächst inniger Umarmung in die Bedeutungslosigkeit geführt worden wäre.

Während Apple mit Sicherheit in 2014 mit seinem mobilen Payment-Service den Großteil der Aufmerksamkeit erregen konnte, arbeiten eine ganze Reihe großer Player ebenfalls an mobilen Zahlungslösungen oder haben diese bereits veröffentlicht: von Snapchat bis PayPal, von Facebook bis Alibaba, von Google bis SoftCard tummelt sich eine Fülle von Playern im Mobile-Payment-Segment, das von USD 31 Mrd. in diesem Jahr lauf Forrester bis 2017 auf USD 90 Mrd. gewachsen sein wird.

Player im Mobile-Payments-Segment:
Apple Pay, Google Wallet, Square, Dwolla, PayPal, SoftCard, Venmo (via Braintree zu PayPal gehörend), Facebook, Snapchat, Alibaba, Vodafone, Orange – aber in erweitertem Sinne auch: Starbucks, LevelUp (via Braintree/PayPal), Uber (via Braintree/PayPal)

Crypto-Currencies

Während sich ein Großteil der Finanz-Innovationen innerhalb der existierenden nationalstaatlich kontrollierten Währungssysteme abspielt, sind mit Crypto-Currencies/digitalen Währungen wie etwa Bitcoin Alternativen entstanden, die nicht nur disruptive Auswirkungen auf die Player im existierenden System haben können. Sie haben das Potenzial das System nationalstaatlicher Währungen grundlegend in Frage zu stellen – und der Einflussmöglichkeiten aller existierenden Player mit ihm, inklusive der Nationalbanken und Staaten.

Nachdem die meisten Staaten mit der Bretton Woods Konferenz 1944 den Gold-Standard aufgaben und ihre Währungen an den US-Dollar knüpften, der wiederum 1971 seine Bindung an den Gold-Standard aufgab, waren alle Währungen zu Fiat-Währungen geworden: ihr Wert bestimmt sich nur durch das Vertrauen, das den Staaten und ihren Zentralbanken entgegengebracht wird. Diese haben in Bezug auf ihre Währungen damit großen Gestaltungsspielraum, können das Angebot an Geld ausweiten oder verknappen und damit stark in die wirtschaftlichen Aktivitäten eingreifen.

Bitcoin hingegen, als wohl prominentester Crypto-Currency-Vertreter, ist von Grund auf dezentral angelegt: es handelt sich dabei gleichzeitig um ein Zahlungssystem und eine digitale Währung, die keiner staatlichen Autorität unterliegt. Die maximale Anzahl an Bitcoins ist auf 21 Millionen festgelegt und kann nicht ausgeweitet werden. Auch wenn sich eine Crypto-Currency wie Bitcoin gerade in Staaten, in denen das Vertrauen in die lokale Währung massiv erschüttert ist (wie etwa Argentinien), steigender Beliebtheit erfreut, ist es relativ unwahrscheinlich, dass derartige Crypto-Currencies die nationalstaatlichen Währungen in absehbarer Zeit ablösen werden. Unabhängig von dieser letzten Konsequenz können sie aber bereits heute große Potenziale erschließen.

Potenzial von Bitcoin

Für die Identifikation unmittelbar erschließbarer Potenziale ist die Betrachtung der unterschiedlichen Aufgaben des Geldes entscheidend. Eine vollwertige Währung muss als Wertspeicher dienen (Stabilität) und Transaktionen ermöglichen (Zahlungen effizient gewährleisten). Von Bitcoin-Skeptikern überbewertet ist der Aspekt der Wertspeicherung. Die spekulativen Schwankungen, die den Kurs eines Bitcoins in Wochenzeiträumen bis auf über USD 1.000 getrieben haben, nur um wieder auf unter USD 400 abzustürzen, seien der Beleg dafür, dass Bitcoin eine rein spekulative Blase sei und bald ebenso in der Versenkung verschwinden werde, wie dies beim seinerzeit im Goldrausch besiedelten SecondLife der Fall war.

Während Bitcoin vor dem Hintergrund der spekulativen Schwankungen und der noch geringen Liquidität in der Tat (noch) nicht als Wertspeicher geeignet ist, vernachlässigt diese Argumentation die weitere zentrale Funktion des Geldes, Transaktionen effizient zu ermöglichen. Betrachtet man die Möglichkeiten aktuell verbreiteter Lösungen wie Bargeldzahlungen, Kreditkartenzahlungen und Geldtransfer/Remittance-Payments (USD 436 Milliarden/Jahr), werden die Ineffizienzen des existierenden Systems drastisch deutlich. So veranschlagen Kreditkartenunternehmen Händlern für Zahlungen im Schnitt etwa 2 bis 3 Prozent Gebühren, was sich allein in den USA pro Jahr auf über USD 40 Milliarden, weltweit auf USD 500 Milliarden in Gebühren beläuft. Für die Übersendung von Geld ins Ausland werden bei Anbietern wie Western Union sogar bis zu 10 Prozent Gebühren fällig. Zudem sind diese Transaktionen häufig sehr träge und nehmen mehrere Tage in Anspruch.

Hier bietet Bitcoin sehr offensichtliche Vorteile: die Transaktionsgebühren liegen bei unter 1 Prozent, die Bestätigung der Zahlung dauert nur wenige Minuten (über Sidechains sogar real-time) und der Public-Ledger gewährleistet die Überprüfung der Rechtmäßigkeit der Zahlung ohne das bei Kreditkarten übliche Betrugsrisiko. Um diese Vorteile zu nutzen, müsste Bitcoin nicht als Wertaufbewahrungsmittel und auch nicht als Ersatz für nationalstaatliche Währungen eingesetzt werden, sondern lediglich als Kanal für die Abwicklung der Zahlung: um eine Zahlung von Deutschland in die USA zu tätigen, werden Euro eingezahlt, in Bitcoin konvertiert, in den USA als Bitcoin empfangen und in US-Dollar konvertiert – in real-time. Keine Seite muss somit Bitconins halten und ein volatilitätsbedingtes Risiko eingehen und sich überhaupt mit Bitcoin beschäftigen.

Fazit

Die Einsparungspotenziale durch die Umgehung der etablierten, zentralisierten Player und ihrer Legacy-Systeme liegen auf der Hand und sind wohl das offensichtlichste Argument für Bitcoin. Über 20.000 Händler akzeptieren Bitcoins bereits als Zahlungsmittel, PayPal hat die Abwicklung von Bitcoin-Zahlungen via Braintree bekanntgegeben und prominente Investoren wie Netscape-Gründer und Star-VC Marc Andreessen nennen Bitcoin in einem Atemzug mit revolutionären Innovationen wie dem Personalcomputer und dem Internet.

Da Bitcoins unendlich teilbar sind, bieten sich auch im Bereich der Micropayments interessante Einsatzmöglichkeiten. Auch können Startups auf Basis des Bitcoin-Transaktionssystems über die Zahlung hinausgehende Funktionalitäten wie etwa Betrugsvermeidung zur zweifelsfreien Gewährleistung der Einmaligkeit einer Übertragung digitaler Güter aufsetzen, ohne selbst komplexe Systeme entwickeln und Infrastrukturen aufbauen zu müssen.

Die Programmierbarkeit und Dezentralität ermöglicht es Entwicklern kreativ zu werden und ihre eigenen Produkte mit eigener Funktionalität auf Basis der Blockchain zu bauen. Der Leidensdruck, die Größe des Marktes gepaart mit der auf Bitcoin-Basis möglichen dezentralen Innovationsdynamik in einem bislang starren Markt, bietet großes Potenzial für eine Revolution im Zahlungsverkehr, die in ihrer Dimension der Internet-Revolution um nichts nachsteht. Die Größe des zu verteilenden Kuchens, die Marktmacht der Player und die Regulierungsintensität dieses Segments macht zugleich jedoch auch deutlich, dass diese Entwicklungen nicht ohne erbitterte Kämpfe ablaufen werden.

Player im Crypto-Currency-Segment:
Coinbase, BitPay, Circle, Xapo, Ripple Labs, Bitcoin Foundation

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Redefinition of Privacy

Trend 2015: Redefinition of Privacy

Wir befinden uns in einem Zeitalter von Disposable Technology, einem Zeitalter, in dem die Kosten von Technologie so gering geworden sind, dass jedes Produkt mit Sensoren und einer Internetverbindung ausgestattet werden kann – und es auch wird: von Schuhen bis zum Hemd, der Zahnbürste bis zum Schlüsselbund, dem Haus-Thermostat bis zur Ampel und Mitarbeitern und ihren Interaktionen. Die Analyse der erhobenen Daten ermöglicht die Ableitung von Algorithmen mit dem Potenzial, das Leben von Millionen von Menschen grundlegend zu verbessern: die Früherkennung von Krankheiten und Identifikation individuell optimierter Behandlungsmethoden, die Optimierung und Automatisierung von Verkehrsflüssen oder etwa die Beschleunigung der Forschung in bisher ungeahnten Dimensionen stellen nur einige wenige Beispiele dar, in denen das entstehende Internet of Things auf Basis von Big Data die grundlegende Umgestaltung aller Lebensbereiche vorantreibt.

Diese ungeahnten Potenziale gehen wie bei jeder technologischen Entwicklung jedoch auch mit erheblichen Risiken einher: der Missbrauch der Daten, Unterdrückung von Opponenten und die Einschränkung von Freiheitsrechten sind nicht nur hypothetische Größen geblieben. Die kommenden Jahre werden diese Entwicklungen weiter beschleunigen und die Ausgestaltung von klaren Regeln erforderlich machen, sollen diese Potenziale nicht tiefgreifenden Konflikten zum Opfer fallen.

Betroffene Industrien: alle

Blurring of Online/Offline

Trend 2015: Blurring of Online/Offline

Während Boris Becker 1999 noch vom ins Internet gehen sprach, ist die Klassifikation als Internetnutzer für alle mit dem Internet aufgewachsenen in etwa so verständlich, wie ein Stromnutzer zu sein: es ist so selbstverständlich und in einer always-on-Welt so natürlich, dass einem nur das Gegenteil – das Offline-Sein etwa auf einer Bahnfahrt – als Abweichung von der Norm auffällt. Zudem ist die Gestalt der via Internet genutzten Services so vielfältig und verwoben, dass der Aussagegehalt einer derartigen Klassifikation viel zu limitiert ist.

Zunehmend verschwimmen jedoch auch die Grenzen zwischen On- und Offline: die Technology tritt in den Hintergrund und verbirgt dem Nutzer ihre Komplexität, um ihn bei der Lieferung eines spezifischen Nutzens nicht mit Unnötigem zu verwirren. So wird die physische Welt zunehmend durch das Internet angereichert.

Betroffene Industrien: Retail, Travel, Entertainment, Games, Healthcare

Trend 2015: Pro-active Experiences

Die sprunghafte Verbreitung von mobilen Devices hat Googles damaligen CEO Eric Schmidt bereits 2010 die Devise “Mobile First” ausgeben lassen: jedes von Google entwickelte Produkt muss stets als erstes mobile Nutzer und deren Nutzungskontext als Ausgangspunkt haben. Heute kann es sich kein Unternehmen mehr leisten, nicht optimiert auf mobilen Geräten mit einem maßgeschneiderten Experience verfügbar zu sein. Websites, die dies nicht berücksichtigen, werden von Google unterdessen sogar bereits in den Such-Rankings abgestraft.

Während diese Entwicklungsstufe folglich bereits nur noch einen Hygienefaktor und kein Differenzierungspotenzial mehr darstellt, gehen die aktuellen Entwicklungen wesentlich weiter: sie nutzen den Umstand, dass mobile Geräte im Gegensatz zum Desktop ihren Besitzer auf Schritt und Tritt begleiten, eine Vielzahl von orts- und bewegungsbasierten Daten automatisch erheben und somit intime Kenntnisse über den Nutzer haben. Die Interaktion soll folglich all diese Informationen miteinbeziehen, um dem Ideal der Interaktion eines allwissenden Begleiters näherzukommen, der vom Nutzer keine Eingabe mehr erfordert, sondern stets alle Bedürfnisse kontextsensitiv erahnt. Hierbei sagt der Nutzer dem Computer (explizit oder implizit) nur noch was er will – wie dieses Ziel zu erfüllen ist und was für den Nutzer in welchem Kontext relevant ist, weiß der Computer im Idealtypus dieses Modells selber.

Betroffene Industrien: Travel, Navigation, Entertainment, Home Automation, Automotive, Software, Energy/Utilities, Versicherungen

Trend 2015: Quantified-Self/Wearables

Sind Quantified-Self-Accessoires wie etwa das Up-Armband von Jawbone bis vor kurzem noch ein Spielzeug für Nerds gewesen, haben sich sensorbepackte Wearables 2014 angeschickt zum Massenphänomen zu werden. Während Pebble bereits 2012 mit seinem Smartwatch-Projekt auf Kickstarter in nur 8 Tagen mit über USD 10 Millionen einen Crowdfunding-Rekord aufstellte (Funding-Ziel waren nur USD 100k) und nun nach der Marktvorbereitung durch nahezu alle Tech-Companies dieser Welt auch Apple als Last-Mover mit der Ankündigung seiner Smartwatch hinzugekommen ist, die Anfang 2015 in den Verkauf gehen soll, scheint der Massenmarkt klar im Visier.

Der Fantasie hinsichtlich der Anwendungsmöglichkeiten und des Impacts auf eine Vielzahl etablierter Geschäftsmodelle sind hier keine Grenzen gesetzt. So wie Smartphones bei ihrem Launch durch Apple 2007 nur ein Device waren, ist erst durch die Verbreitung der Technologie und das durch sie ermöglichte Ökosystem eines App-Stores eine Innovationsdynamik entstanden, die in ihrer Entwicklungsgeschwindigkeit und der disruptiven Kraft auf nahezu jede Industrie bislang einmalig ist. Ein unterdessen mit über USD 40 Milliarden bewertetes Unternehmen wie Uber, das sich anschickt die Mobilität grundlegend umzukrempeln, war ohne die Funktionen von Smartphone und das angeschlossene Ökosystem weder möglich noch denkbar gewesen.

Die permanente Verfügbarkeit von Sensoren direkt am Körper zeigt Parallelen zu dieser Entwicklung auf: neue Player können mit geringen Markteintrittskosten auf dem existierenden Ökosystem aufsetzen und ihren Ideen freien Lauf lassen. Dies wird tiefgreifende Auswirkungen auf eine ganze Reihe von Industrien und Geschäftsmodellen haben.

Betroffene Industrien: Healthcare, Pharma, Versicherungen, Fitness, Home Automation

Übersicht